Pressetermin für den befreite Sisyphos 


Der Landrat bittet zum Pressetermin. Anlass ist der befreite Sisyphos an der Straßenfassade des Ulricianums. Er strahlt wieder in neuer Farbigkeit, nachdem er schon abzubröckeln drohte.  


Der Künstler Hans Trimborn (1891-1979) schuf 1956 für das Ulricianum als "Kunst am Bau" das Sgraffito "Der befreite Sisyphos". Dieses Kunstwerk drohte zu zerfallen - bei einem Sgraffito wird die Farbe mit dem Mörtel aufgetragen -  und konnte nun anlässlich der Fassadensanierung renoviert werden. 

Landrat Walter Theuerkauf referiert über den Künstler Hans Trimborn, die Entstehung des Kunstwerks und seine Bedeutung. Er genießt es sichtlich, einmal nicht nur über reinen Baumaßnahmen sprechen  zu müssen.  

Die Presse schreibt eifrig mit und wird morgen über das renovierte Sgraffito in den Lokalzeitungen berichten. 

Zum Abschluss muss noch das passende Pressefoto inszeniert werden ...

... und findet offensichtlich Zustimmung bei den Fotografierten.

Eine Unklarheit bleibt noch: Warum sind die Originalfarben nicht wieder aufgetragen worden? Dem aufmerksamen Betrachter fällt auf, dass die Figur des Sisyphos (s. Kopf im mittleren Bildteil und die gesamte Person im oberen Bildteil) verändert wurden. 

Auguste Rulffes (Kunstlehrerin am Ulricianum) führt in ihrem Artikel "Der befreite Sisyphos - Überlegungen zum Bildwerk an der Südseite des Ulricianums" (in: Festschrift 350 Jahre Ulricianum, Aurich 1996, S. 230-232) dazu Folgendes aus: 

"Unten, auf der ersten Stufe, wird Sisyphos' gesamte Gestalt in grauem Beton, also farblos, dargestellt. 
Auf der mittleren Stufe erhebt Sisyphos den Kopf, der jetzt in roter Farbe gestaltet ist. Die Figur gewinnt an Ausdruck und damit zunehmender Identität; der erhobene Kopf suggeriert den Eindruck beginnenden Selbstvertrauens.
Die obere Stufe schließlich, der Höhepunkt des Weges, zeigt Sisyphos in seinem Triumph: Die gesamte Gestalt ist, wie der Berg, gegen den er der Kampf gewonnen hat, rot." (a. a. O., S. 232)

Diese Farbgebung ist bei der Restaurierung leider verloren gegangen. Da einen essentieller Bestandteil von Trimborns eigenwilliger Interpretation der Sisyphussage darstellt, bleibt zu hoffen, dass die originalgetreue Farbgebung wiederhergestellt wird.  

 

So oder so: An dieser Stelle sei Frau Rulffes, ehemaliger Kunstlehrerin am Ulricianum, herzlich für ihr über zehnjähriges Engagement zur Restaurierung des "Sisyphus" herzlich gedankt.

vorher ...                                                    nachher 

09.09.2009

Den antiken Mythos des Sisyphos umgedeutet Biografie

Von Kerstin Singer

Aurich - Mühsam rollt er den Fels den Berg hinauf ? doch anders als im antiken Mythos gelingt es dem von Hans Trimborn geschaffenen Sisyphos, ihn dort auch zu halten. ?Es ist zuletzt eine glückliche Figur?, sagte gestern Landrat Walter Theuerkauf (SPD) vor dem Fassadengemälde am Auricher Ulricianum.

Nach 53 Jahren hatte der Landkreis das von dem bekannten Maler und Musiker geschaffene dreiteilige Kunstwerk jetzt restaurieren lassen. Während Trimborn 1956 nur 2000 D-Mark als Honorar für die Auftragsarbeit bekam, waren die Wiederherstellungskosten fünfmal so hoch. Rund 10 000 Euro kostete die aufwendige Aufarbeitung des in verschiedenen Putzschichten aufgetragenen Gemäldes. Die Farben waren durch die Witterung stark ausgeblichen, an vielen Stellen war bereits Putz abgeblättert. ?Wir konnten die Arbeiten aus Restmitteln für die Giebelsanierung des Schulgebäudes finanzieren?, erklärte Theuerkauf.

Der stellvertretende Schulleiter Hans-Jürgen Westermayer freute sich darüber, dass das Werk nun wieder deutlicher sichtbar sei. Schließlich habe es einen deutlichen Bezug zum Mühsal des Lernens. Es werde auch immer wieder im Kunstunterricht thematisiert, wie Lehrer Herbert Müller bestätigte.

Theuerkauf hatte im Gespräch mit Trimborns Witwe Maria Immer, die heute noch in Norden lebt, erfahren, dass sich der Künstler stark mit dem französischen Philosophen Albert Camus beschäftigt hat, als er das Werk schuf. Bereits Camus habe den Mythos des Sisyphos umgedeutet und das ständige Bemühen als Erfolg gewertet. Insbesondere die Existenz des Künstlers habe er darin widergespiegelt gesehen, bestätigte Müller.

Hans Trimborn wurde 1891 in Plittersdorf bei Bonn geboren. Obwohl er Medizin studierte, arbeitete er vor allem als Maler und Musiker. Bereits in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts zog es den gebürtigen Rheinländer nach Ostfriesland. Er ging zusammen mit seiner ersten Ehefrau Marta Trapp nach Norderney.

Beeinflusst wurden seine Werke unter anderem vom rheinischen Expressionismus und von der Malerin Paula Modersohn-Becker.

Künstlerische Spuren in Ostfriesland hinterließ Hans Trimborn beispielsweise durch Auftragsarbeiten an der Decke des Cafés Marienhöhe auf Norderney, in der Kreissparkasse Norden sowie am Ulrichsgymnasium in Norden.

1960 zog Hans Trimborn gemeinsam mit seiner zweiten Frau Maria Immer von Arle nach Norden, wo er 1979 starb.

Quelle: Ostfriesen Zeitung online: 9. 9. 2009

 

 

ON-Artikel 9. 9. 2009

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