30 Jahre nach dem Abitur
- ein Rückblick in Zorn und Wehmut

Photo der Klasse 13 m1 vom 15.05.72; von links nach rechts(mit erlerntem
Beruf, soweit bekannt)
Wiard Cordes (Gymnasiallehrer), Peter Plantiko (Arzt) Joachim Kolsch
(Dipl.Psychologe), Willi Petersen (Dipl. Chemiker), Jürgen
Billich(Dipl.Ingenieur ?), Hartmut Förster(Dipl Elektronikingenier), Arnd -
Dieter Ubben (Gymnasiallehrer), Norbert Backa (Klassenlehrer), Gerold
Janssen (Berufsschullehrer), Holger Noah (Arzt), Horst Nosofsky (Musiker?),
Rainer Janssen( Dipl. Mathematiker), Peter Fecht (Dipl. Pädagoge/Lehrer),
Hans - Hermann Schäfer (Polizeibeamter), Rainer Betten (Umwelttechniker),
Hermann Weissig (Polizeibeamter), Gerd- Peter Gerdes (Gymnasiallehrer).

Abifeier, nein danke! Als einer der letzten Jahrgänge vor der reformierten
Oberstufen machten wir 1972 bereits am 15. Mai das Abitur.
Die Zeit zwischen schriftlicher und mündlicher Prüfung haben wir in erster
Linie im "Blauen Haus" bei Stiefeltrinken und Soleierverzehren zugebracht.
Am Wochenende trampten wir nach Norddeich zu "Meta”. Wir versicherten uns
täglich gegenseitig, dass wir am nächsten Tag mit den Vorbereitungen für die
mündliche Prüfung endlich beginnen wollten. Daraus wurde bei den meisten
nichts, denn kaum einer stand auf der "Kippe" zur Note "Fünf". Der Verlauf
der mündlichen Prüfungen bestätigte viele von uns dahingehend, daß ja das
Ergebnis der mündlichen Prüfung für die scharfen Hunde unter den Prüfern
sowieso vorher feststand.
An der Abiturfeier nahm die 13 m1 nicht teil, da sie von uns wegen der
verhärteten Fronten an der Schule und auch der generellen Ablehnung solcher
Festivitäten boykottiert wurde.
Wir trafen uns zur Feier am Friedensdenkmal bei einigen Flaschen Wein und
Bier, ohne dass wir uns aber sinnlos besoffen haben. Mit den Parallelklassen
gab es dann noch einen Umzug zur "ON" für ein gemeinsames Photo.
Ich kann mich noch erinnern, dass Rainer J. in der Innenstadt (Es gab noch
keine Fußgängerzone) seine Abitururkunde verlor. Ein Radfahrer gab ihr mit
seinem Reifenabdruck das "richtige Profil".
So richtig ernst genommen wurden die Abiturprüfungen von uns nicht. Für die
meisten ging es nur darum den Abschluß zu erhalten. Einige brauchten
allerdings einen entsprechenden NC um Medizin zu studieren. Der wurde von
diesen auch ohne übertriebenes Engagement erreicht und sie machten sich
dadurch auch bei den Mitschülern nicht unbeliebt. Einige hatten den Ansporn
auch bereits vorher verloren, denn ob man viel oder wenig für die Schule
tat, es endete dann ohnehin immer mit "befriedigend" oder "ausreichend".
So war dann in den letzten Schuljahren viel Zeit für besondere Aktivitäten.

Sport - vivat , crescat, floreat.....

Die Klasse war seit dem 11 Schuljahr erfolgreich bei Schulmei-sterschaften
im Handball und Basketball Es gelangen dabei auch der Einzug in Endspiele
und Schulmeister-schaften.
Für eine Meisterschaft wurden von der Prämie von 50 DM Poster von Che
Guevara, Jimi Hendrix und Antikriegsplakate gekauft. Damit wurde der
Klassenraum zum Verdruß einiger Lehrer plakatiert.
Ein weiterer sportlicher Schwerpunkt und Heimat war der Schülerruderverein
“Argo”. Dort konnten sich einige extremistisch körperlich betätigen und in
freier Natur ihren anarchistischen und romantischen Gedanken frönen..
Die entsprechende Reiseliteratur von Marx, Bakunin bis Bertrand Russel
befand sich in der wasserdichten Fresskiste, während das Lateinbuch vor
Nässe aufquoll und auch nach einer Wärmebehandlung im Backofen nicht zu
seiner alten Form zurückfand. Auf den Fahrten gab es so immer
Diskussionsstoff und einige revolutionäre Ansätze waren erst im Morgengrauen
am Lagerfeuer ausdiskutiert.
Eigentlich schade, daß den Ruderern damals niemals der Preis des
“Ulricianers” oder ähnliche Auszeichnungen zuteil wurden, wo sie doch wegen
des Wahlspruchs "in einem gesunden Körper...." 1971 von Aurich nach
Amsterdam und zurück gerudert waren.. Aber wir waren damals wohl nicht
gesellschaftsfähig und welcher Lehrer hätte den Preis überreichen mögen?.

Hättest Du geschwiegen, wärst Du ein Philosoph geblieben.

Die Mitschüler, die sich in der “Amicitia organisierten”, teilten diesen
Wahlspruch nicht, denn sie beteiligten sich zunehmend an den Diskussionen
der Klasse mit den Lehrern. Auch der kurze Fasson wich zunehmend dem
Pagenkopf oder dem verbeatelten Zustand, wenn sich die Haarlänge auch nie
den Dimensionen eines oder anderer subversiver Elemente aus der Klasse
näherte.
Das Engagement im naturwissenschaftlichen Bereich brachte den Mitschülern
den Spitznamen “Kondensatores” und einen Schlüssel für den neu erbauten
naturwissenschaftlichen Trakt ein. Was sie dort allerdings ausgefressen
haben, weiß ich bis heute nicht genau. Ich bitte also um Aufklärung nach 30
Jahren.

Blick zurück im Zorn - Vorabitur in Latein 1971.

Beliebt bei der Klasse war Lehrer F., der in seinem Lateinunterricht durch
seine Diavorträge über Griechenland und Troja den Unterricht interessant
gestaltete. Das Engagement der Klasse war befriedigend bis gut.
Allerdings wurde während der Korrekturzeit der Abiturarbeit dieser beliebte
Lehrer von den Scharfmachern für die lateinische Sprache, Herrn Pi. Und
Herrn Br. entmachtet.
Es hagelte "Fünfen" und "Sechsen", einige fielen durch das Vorabitur oder
erhielten eine "Fünf" als Abschlußnote. Anscheinend sollte durch dieses
Verfahren der Klasse gezeigt werden, wo der Hammer hängt.

Unser Klassenlehrer "Onkel B."

"Du Onkel B., ich bin so schlecht." lautete der Ausspruch eines
Mitschülers, der damit nicht seine Mathenote meinte, sondern nur ein
derzeitiges Unwohlsein.
Wir wurden im Unterricht vom langjährigen Klassenlehrer, als es wieder
einmal subversiv und motzerisch zuging, gefragt, woran wir denn eigentlich
glauben würden. Die Antwort "An Nichts - wir sind Nihilisten" wurde mit der
Gegenfrage gekoppelt: "Woran glauben Sie?" Die Antwort lautete "An das Gute
im Menschen." Dies akzeptierten wir, wie wir auch das Verständnis, das uns
unser Klassenlehrer die Jahre in der Oberstufe auf seine Art
entgegenbrachte, akzeptierten und uns weniger an ihm rieben als an anderen
Lehrern.
Er hat in den Jahren seiner Klassenlehrerschaft nur einen Fehler gemacht,
den er heute noch bereut.
Er hatte eine Klassenfahrt nach München geplant, diese aber auf den Druck
von Kollegen und der Schulleitung abgesagt. Die ehemaligen Schüler überlegen
in den letzten Jahren, ob diese Fahrt nicht noch nachgeholt werden könnte.

Keine Liebe von der Klasse - bald kam L.´s Rache

Die drei Jahre Gemeinschaftskunde bei L. waren interessant und anstrengend.
Da wir seit dem 11. Jahrgang frauenlos waren, hatten wir wohl mit dem
anderen Geschlecht besondere Probleme.
Auch das Werben der Gemeinschaftskundelehrerin half da nicht viel. Trotz der
interessanten Unterrichtsgegenstände Marxismus, Industrialisie-rung und
China wollten wir ihrer Zuneigung nicht erlegen sein. Wir huldigten weiter
dem Nihilismus, beteiligten uns am Unterricht und an den Diskussionen und
wollten dabei das letzte Wort haben, auch wenn es bereits Sprechverbote
durch den Deutschlehrer Herrn M für den Mitschüler und doppelten
Überspringer R. S. gab ("Ich verbiete Ihnen das Wort witzig auch in der
Verbindung ha, ha witzig").
In einer zugespitzten Unterrichtssituation verließ Frau L. den Unterricht
und verweigerte die Wiederaufnahme. Nach einer Elternversammlung (Wir waren
mit 18/19 noch nicht volljährig), auf der zunächst die Köpfe der
Rädelsführer gefordert wurden und die Eltern einiger Mitschüler das gesamte
Abi ihrer Sprößlinge gefährdet sahen, wurde der Unterricht nach einigen
Wochen im Rahmen einer "friedlichen Koexistenz" fortgesetzt.

Wiard Cordes

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