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Ein
erheblicher Wandel vollzieht sich zur Zeit in den Schulen, auch hier
im Hause, in zahlreichen kleinen Schritten: Ein kleines Indiz, ein
kleiner Schritt ist z. B. die in jüngster Zeit erlebte Ausschreibung
und Besetzung einer ersten „schulscharfen" Stelle (wie es im
Amtsjargon heißt) an dieser Schule.
Tatsächlich läßt es sich an vielen Punkten nachweisen: Das Ulricianum
entwickelt sich nach dem Leitbild einer ,,selbständigeren Schule"
hin zur Nutzung größer werdender Gestaltungsmöglichkeiten, es gewinnt
kreative Spielräume, von welchen es nach eigenem Gutdünken Gebrauch
machen kann.
Diese erworbenen Freiräume stehen in einem konfliktträchtigen Spannungsverhäitnis
zu der ebenfalls beobachtbaren zunehmenden „Verrechtlichung"
oder „Vergesetzlichung" des Schulwesens.
Beide Tendenzen, der Zuwachs an Gestaltungsrechten und das gleichzeitig
gesteigerte Rechtsbewußtsein, führen heute zu einer ganzen Anzahl
neuer Aufgaben und erhöhter Anforderungen.
Dies gilt natürlich für die Schulleitungen und die Person des Schulleiters.
Als Dienstvorgesetzter ist er nicht nur mit seiner Weisungskompetenz
ausgestattet, sondern er besitzt auch ein größeres Maß an Verantwortung.
Er kann seiner Verpflichtung zur Fürsorge für die ihm anvertrauten
Personen, also auch die ihm dienstlich unterstellten Lehrkräfte, nur
entsprechen, wenn er sich auch schützend vor sie stellt.
Neue Aufgaben und gestiegene Anforderungen müssen aber nicht nur die
Funktionsträger innerhalb der Schule als Organisationssystem erfüllen,
sondern eigentlich alle, die einen Anteil daran haben, dass die Schule
/ unsere Schule als Trägerin einer lebendigen Bildungsidee Bestand
haben soll.
Von
dem neuen Freiraum geht die Möglichkeit zur positiven Einflußnahme
oder zur Vergeudung der Güter aus: Schüler und Lehrer zum Beispiel
können sich gemeinsam bei schonender Bewirtschaftung der teuren Unterrichtsmittel
neue, zusätzliche Anreize zum Lernen schaffen, indem sie in selbst
definierte Bereiche investieren.
Eltern und Elternvertretungen, die Arbeit der Sekretärinnen ebenso
wie die des Schulassistenten, des Hausmeisters und des Reinigungspersonals
beeinflussen die sinnvolle oder sinnlose Nutzung der schuleigenen
finanziellen Ressourcen. Heute verknappt alles, was die Schüler von
außerhalb in die Schule schleppen und dort als Müll zurücklassen,
das schuleigene Budget. Ein Zwang zur Sparsamkeit ist so weit natürlich
auch als pädagogische Herausforderung willkommen (Erziehung zur Sauberkeit
ist Erziehung zur schonenden Behandlung der Umwelt; wir wissen, wie
schwer uns die Durchsetzung fällt).
An anderer Stelle führt die Verknappung der Mittel aber schlichtweg
zur Verschlechterung der Unterrichts- und Arbeitsbedingungen. Ich
denke an die Zahl der Schüler, die von jeweils einem Lehrer unterrichtet
werden müssen: Kleine Klassen sind für die Schüler mindestens ein
so großes Plus wie für die Lehrer, die in diesen sich entfalten dürfen.
Auf dem Bildungssektor, in der Schule, sind wir von der Form des Wohlstands,
den Prof Dr. Cube in seinem Vortrag bei der Bundeswehr in dieser Woche
ansprach, weit entfernt. ,,Diese verführerische Form des Wohlstands,
die faul und fett, leistungsunwillig und leistungsunfähig macht",
kann ich an dieser Schule nirgendwo entdecken; hier sieht es an vielen
Stellen, trotz der anerkennenswerten Anstrengung, noch recht spartanisch
aus.
Eher
sehe ich deshalb zur Zeit die Gefahr: ,,Wer an der Jugend spart, wird
in Zukunft verarmen".
Weitere Verunsicherung geht von den oft rechthaberisch (aber nicht
nur von Pädagogen) geführten Diskussion um die Inhalte und den Stellenwert
des Wissens / der Bildung aus. Ich will hier auf keine Einzelheiten
eingehen.
Mir scheint für eine Schule heute oft fast weniger bedeutsam, was
gelernt wird, als wie das Lernen gestaltet wird. Bei dem ,,Wie"
kommen mir dann auch die Umgangsformen, die Schüler und Lehrer als
Ausdruck gegenseitiger Achtung oder Missachtung miteinander pflegen,
in den Sinn.
Festzustellen ist, daß am Übergang von der Industriegesellschaft zur
weltweit vernetzten Informations- und Kommunikationsgesellschaft von
außerhalb beständig weitere Forderungen an die Schule gestellt werden:
Einerseits werden Wissensdefizite in den harten oder Kemfüchern festgestellt,
andererseits erwarten Eltern / erwartet die Gesellschaft, daß die
Schule die Verhaltensprobleme und Erziehungsdefizite der Kinder behebt,
daß sie - ganz nebenbei - noch Verkehrserziehung, Gewaltprävention,
Sexualerziehung und Frauenförderung betreibt, über Aids- und Suchtgefahren
aufklärt und vieles mehr. Eine Überforderung, das wissen Eltern wie
Lehrer besonders gut, führt indessen zu Krankheit oder aber auch zur
Verweigerungshaltung.
Eine Schule, die alles leisten soll und die versucht, jeder Erwartung
gleichermaßen gerecht zu werden, kann dies - wenn überhaupt - nur
auf eine fragwürdige, da oberflächliche Weise tun.
Als Gymnasium am Ort und in wohlgemeinter Abgrenzung gegenüber den
Schwerpunkten, die andere Schulen mit vollem Recht für sich formulieren,
sollten wir zumal dort die Highlights unserer Arbeit setzen, wo unser
Kollegium dies mit Talent und Freude an der Sache leisten kann und
wo das Schülerinteresse dies einfordert.
Nur wer von dem Wert der eigenen Arbeit überzeugt ist, kann ehrlich
und ohne Berührungsängste die Hand zur Kooperation ausstrecken. (Aus
diesem Bewußtsein auf beiden Seiten hat die Zusammenarbeit mit dem
,,Alternativmodell IGS" bereits erfreulich Bestand).
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