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20
Jahre als Schulleiter des Ulricianums |
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Oberstudiendirektor
Claus Goldbach ging im Sommer 1999 in den Ruhestand. 1979 hatte er hier
seine Arbeit aufgenommen.
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Zu einem Gespräch über diese Zeit traf der VEUVorsitzende den scheidenden Direktor im Garten des ,,Direktorenhauses" am Tiergarten, in dem auch schon die Schulleiter Onnen, Bratsch und Gerstenberg residierten. Über die Gefühle, nach vollendeten 20 Jahren Ulricianum nun im Ruhestand zu sein, berichtet Claus Goldbach, dass erst der erste Schultag nach den Sommerferien ein neues Bewusstsein gebracht habe. Erst
an diesem 2. September konnte er morgens eine Stunde später als zu Dienstzeiten
in Ruhe aufstehen und sagen: ,,Nun muss ich nicht mehr". Ein gutes
Gefühl stellt sich bei einem gemütlichen und ausgiebigen Frühstück
ein. An
den Beginn der Lehrtätigkeit erinnert er sich und dabei an einen Kollegen,
der das frühe Aufstehen nie verinnerlichte und seine Tätigkeit mit der
eines Bäckerlehrlings verglich (Übertreibung macht anschaulich). Beim
Treffen mit ehemaligen Kollegen des Ulricianums bekam Claus Goldbach
dann an diesem Tag auch noch zu hören, dass doch schon drei Tage Schule
hinter allen lägen. Aber diese Veränderung der niedersächsischen Kultus-Politik
erreichte Claus Goldbach eben nicht mehr. Das
sogenannte ,,schwarze Loch", von dem im Zusammenhang mit dem plötzlichen
Ruhestand gesprochen wird, hat sich glücklicherweise ebenfalls nicht
eingestellt, denn bei Claus Goldbach wird sich sicherlich eher der ,,Unruhestand"
einfinden. Die
Gedanken gehen ein Jahr zurück, und der scheidende Direktor weist darauf
hin, dass auch schon für 1998 ein Ausstieg mit 62 Jahren geplant war,
dieser aber revidiert wurde angesichts des gerade erst stattgefundenen
Wechsels im Amt des ,,Vize" der Schule und des Wechsels im Amte
des Dezernenten. So hat Claus Goldbach um der Kontinuität willen seinen
Dienst um ein Jahr verlängert. Zudem hat es so einen nahtlosen Wechsel
im Amte gegeben, da die ,,Goldbach-Ära" nun direkt in die Zeit
des Schulleiters Risius übergeht. Zu
den Gefühlen kommt nun auch die Priorität der Lebensplanung privater
Art, auf die sich Claus Goldbach offenbar schon sehr freut. So habe
er schon bald nach der Amtsübergabe Paris ,,kulturlos" erwandert
im Rahmen einer Werbefahrt, und erstmals außerhalb der niedersächsischen
Schulferien schloss sich ein längerer Urlaub an. Die
nächste Frage des Besuchers war dann: Wie ist Dein Eindruck über Veränderungen
der Schülerschaft zwischen 1979 und 1999? Claus
Goldbach beginnt mit dem Hinweis, dass er für seine starke Orientierung
zu den Schülern hin und seine angebliche Vernachlässigung der Lehrerschaft
oft kritisiert worden war, und antwortet auf die Frage sehr spontan
mit der Ansicht, dass die Schülerschaft sich deutlich verändert hat.
Seismographen dieser Entwicklung seien für ihn in erster Linie die
,,Blende-Redaktion" und zum weiteren die Schülervertretung gewesen. In
beiden Gruppen hätte er doch viele unangepasste Schüler kennen und schätzen
gelernt. Dabei stand ca. 15 Jahre lang die Verpflichtung des Schulleiters
zur ,,wohlmeinenden Begleiturig" der Schülerzeitungen im Raum.
Als trauriges Erlebnis verbleibt gerade deshalb der Niedergang der ,,Blende". Dabei
ist die Arbeit des Teams der englischsprachigen ,,Ulricianum Times"
natürlich ein erfreuliches, aber nicht vollwertiges Gegengewicht fehlt
doch die völlige Eigenständigkeit von Schülerarbeit in Form einer AG
mit presserechtlicher Verantwortung der Lehrer. In
den 20 Jahren sei der Anteil an interessierten Schülerpersönlichkeiten
immer kleiner geworden, und dadurch würde die Entwicklung des gesellschaftlichen
,,Roll-Back" gespiegelt. Schon
vorher in der 68er-Zeit jedoch habe es größere Veränderungen gegeben,
als die Zeit der „Feuerzangenbowle" gänzlich vorbei gewesen sei
und der Lehrer gezwungen wurde, sogar die Auseinandersetzung mit der
Mao-Bibel zu pflegen. Das
Selbstbewusstsein der Schülerschaft habe sich nicht positiv entwickelt
zwischen 1979 und 1999, zunehmend weniger Schüler hätten die Fähigkeit
entwickelt, im klassisch-griechischen Stil Kritik zu üben (Gleichgewicht
zwischen positiv u. negativ), was auch für die Entwicklung der Schülervertretung
gelte. Die
Schülerschaft könne mit qualifiziertem Denken das System Schule durchaus
in Frage stellen - dann brauche sie aber ein Gleichgewicht gegenüber
den Lehrern und Eltern. Die Entwicklung laufe aber eben nicht dahin,
so heißt der ehemalige Lehrerpersonalrat nun Schulpersonalrat, was
Claus Goldbach sehr kritisch anmerkt. Der
Umgang mit Schülern sei eine schwere Aufgabe, meint der Direktor und
weist auf ein Prinzip hin, das er umzusetzen versucht hat: Auch wenn
man abends enttäuscht und entmutigt zu Bett geht, soll man morgens immer
frisch und optimistisch neu beginnen. Und so könne ein guter Lehrer
denn froh sein, wenn es ihm gelänge, den anvertrauten Menschen in Schwierigkeiten
beizustehen und diese nicht am Erfolg zu hindern. Der
Werdegang eines Lehrers, so charakterisiert Claus Goldbach seine Entwicklung,
sei wie ein Korridor, den man entlang geht und dessen seitliche Türen,
nachdem man sie passiert hat, sich verschließen. Dieser
Weg führte durch eher kleinere Schulen dann bis in diese große Schule. Eigentlich
konnte er sich diese Aufgabe, die vor ihm lag, auch gar nicht richtig
vorstellen, so unüberschaubar war diese; doch die Neugier und der Wunsch,
etwas ganz anderes zu machen, hätten dann diese Tür im Korridor geöffnet. Zunächst,
erzählt Claus Goldbach, hätte er viele kleine Fehler aneinander gereiht
als neuer Chef, doch Frau Ursula Dorn hätte ihm immer wieder herausgeholfen
und diese Fehler wieder ausgebügelt. Insofern
hat sich der ,,Wohlfühl-Effekt" in Aurichs Gymnasium auch wohl
erst später eingestellt. Insgesamt aber sei er doch mit diesen 20 Jahren
zufrieden. Dabei habe er versucht, deutliche Akzente zu setzen, auch
zugunsten der Schülerschaft, und sei dabei auch Konfrontationen nicht
aus dem Wege gegangen. Die
nächste Frage lautete: Wie hat sich das Lehrerkollegium in den 20 Jahren
entwickelt? Claus
Goldbach hat auch hier eine spontane Antwort. Das Hauptproblem sei
gewesen, dass es sehr sehr lange keine Neueinstellungen gegeben hat
und dadurch das Kollegium immer mehr gealtert ist. Claus Goldbach spricht
von Vergreisung im Gleichschritt. Dabei
entstehe die Gefahr, dass es immer wieder zu den gewohnten und gleichen
Diskussionen komme und auch die Befindlichkeiten der Kollegen untereinander
eine zu große Rolle spielten. Trotz der kleinen Stadt (Vergleich zu
Göttingen oder Hannover) betont Claus Goldbach, daß er hier in Aurich
nicht unter einer sozialen Kontrolle gelitten habe, auch habe er Ostfriesland
schon vor 1979 als Fachberater bereist und sei so ohne Vorurteile gekommen. Ein
Wegbegleiter Claus Goldbachs kommentierte seinen Sprung nach Ostfriesland
in diese Position hinein mit den Worten: ,,Wenn schon aus einem Affen
ein Oberaffe wird, so muss der doch wenigstens im Tiergarten wohnen“. Auf
die Frage nach den Rahmenbedingungen seiner Tätigkeit zwischen 1979
und 1999 antwortet Claus Goldbach mit politischer Enthaltsamkeit und
ohne Hinweis auf das persönliche Ausgestalten, das immer möglich gewesen
sei. Dabei kommt der Satz: ,,Man
nimmt sich immer zuviel vor, und man ist immer überlastet". Als
ausgleichendes und beruhigendes Element dabei hebt Claus Goldbach Frau
Hartmann als Schulsekretärin hervor, die es perfekt verstanden hätte,
ihn mit den organisatorischen Dingen zu begleiten, die er selber nicht
leisten konnte. Claus
Goldbach weist darauf hin, dass Freiräume auch für den Schulleiter da
sind und genutzt werden können. So nutzte er sein Dienstzimmer für seine
Religions-Kurse mit bis zu 12 Schülern und hatte soviel Freude daran,
dass er mehr unterrichtete, als sein Deputat vorgesehen hat. Das waren
pro Woche meist 10 Unterrichtsstunden. Dieses
Nutzen von Freiräumen sei aber auch nicht ganz unproblematisch, weil
bei einer engen Vertrautheit im Unterricht mit kleinen Oberstufengruppen
sich Gewohnheiten einschleichen konnten, die so von Lehrern gar nicht
gewollt waren. Die Benutzung des „Du" sei dabei ein Punkt gewesen,
der nicht unproblematisch war. Für
Claus Goldbach war das krisenhafte Jahr 1990 eine echte Zäsur, beantragte
er doch damals die Zurückstufung auf den Studiendirektor und die Entpflichtung
als Schulleiter. Seine Eignung und Fähigkeit stellte Claus Goldbach
damals selbst in Frage, ein Vorgang, der sicher selten zu berichten
ist. Viele Dinge hätten ihn dann in ihrem Zusammenspiel dazu gebracht,
doch weiterzumachen. Seine
Vorgesetzten in Osnabrück, im Regierungspräsidium, nahmen dem Direktor
seine Resignation, und die Gespräche mit dem Landessuperintendenten
der reformierten Kirche, Herrenbrück, Iießen ihn einsehen,
daß er es doch noch weiter versuchen sollte. Die örtliche ,,Goldi"-Demonstration
der Schüler für seinen Verbleib habe keine entscheidende Rolle gespielt
und wie Claus Goldbach sagt, war er zu diesem Zeitpunkt auch glücklicherweise
nicht in Aurich. Das Hauptargument des Regierungspräsidenten war damals:
„Es ist völlig normal, gegen Wände zu laufen, auch in meinem Amt."
Das Jahr 1990 zeigte Claus Goldbach auf, daß er Grenzen akzeptieren
mußte. Darüber hinaus aber gibt es noch die Autonomie der Schule, auch
wenn der Schulleiter durch eine Fülle von Aufgaben, für deren Umsetzung
oft die Voraussetzungen fehlten, sehr eingeengt ist. Trotzdem sei die
Freiheit des Lehrers doch größer als vermutet nur brauche er Phantasie
und Mühe, die Spielräume zu nutzen. Schwierig sei das schon, aber machbar.
Als Beispiel nennt Claus Goldbach das ,,Team-Teaching" im fachübergreifenden
Unterricht z. B. der Fächer Religion, Geschichte und Deutsch. Hierzu
ist eine Genehmigung des Ministeriums in Hannover nötig, die erteilt
wird, wenn die gemeinsame Schnittfläche der Fächer groß ist und für
die Schüler eine Wahlfreiheit bleibt. Entsprechend begründet gab es
bei Unterstützung des Dezernenten auch die Genehmigung. Ein
weiteres Beispiel ist die Möglichkeit für die Schüler, bei Klassenarbeiten
eine zu begründende Abänderung des Themas vorzunehmen (modifizierte
Aufgabenstellung). Hier gab es dann den Konflikt als ein Schüler diese
Vorgehensweise auch in der Abiturprüfung umsetzte. In dem Fach Religion
wandelte der Schüler das Thema mit Begründung ab und nutzte sein vermeintliches
Recht. Hier liegt die Verantwortung beim Lehrenden. In diesem Fall formulierte
übrigens der Schüler das Thema klarer als sein Schulleiter und wurde
mit ,,gut" bewertet. Ein
Zwischenfazit schließt Claus Goldbach an: Das Älterwerden mit jungen
Menschen zusammen sei eigentlich das Herrliche am Beruf. Auch
nach dem Verhältnis zum VEU 1997 - 1999 wurde der Direktor befragt: Claus
Goldbach hat vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr geschätzt,
diese seien immer eine große Hilfe gewesen, er habe sich angenommen
gefühlt und gleich beim Start auch hilfreiche Informationen bekommen. Er
erinnert sich an eine Vorstandsbesprechung ganz zu Beginn seiner Zeit
in Aurich, als er am späten Abend von der Runde in der ,,Börse"
zu Wolfgang Kroemer geschickt wurde, um ihn zu fragen, ob er nicht Vorsitzender
des VEU werden wolle (sozusagen mitten in der Nacht). Der VEU sei ein
vertrauter Kreis außerhalb der Schulmauern und für ihn eine unschätzbare
Erfahrung. Aber
auch in der Amicitia, deren Mitglied Claus Goldbach inzwischen ist,
habe er viel Freude erfahren. Hier duzt man sich generell, und
hier wird die echte Schüler-Lehrer-Symmetrie möglich. Die
Veränderungen in Aurich im Blickfeld von Claus Goldbach bilden die abschließende
Frage: Zunächst
kommt die Positiv-/Negativ-Kritik zum Carolinenhof-Komplex: Der Komplex
als solcher habe das Stadtbild massiv beeinträchtigt, die Stadthalle
jedoch sei eine echte Bereicherung. Der Klotz habe die Goldbachs jedoch
so erschreckt, dass sie ihren Fuß nicht hineinsetzen wollten. Irgendwann
im Gefolge eines Abitur-Balls habe man ihn jedoch sogar in die Discothek
des Carolinenhofes gezerrt. Die
Marktplatz-Gestaltung mit der Markthalle fand auch nicht den Beifall
von Claus Goldbach, wenn auch der Sous-Turm nicht so sehr als Problem
gesehen wird. Die
Stadt Aurich jedoch insgesamt sei den Goldbachs so sehr ans Herz gewachsen,
dass sie bleiben werden, in dem vom Landkreis erworbenen und letztlich
ehemaligen ,,Direktor-Haus" am Tiergarten. Dass dort eher ein ,,Unruhestand"
gepflegt wird, entnimmt der VEU-Vorsitzende schon daraus, dass an diesem
Gesprächs-Vormittag das Telefon wohl 10mal klingelte. Der
VEU bedankt sich für 20 Jahre Vorstandsmitarbeit und das umfassende
Gespräch und begrüßt nun den Oberstudiendirektor i. R. Claus Goldbach
in den Reihen der ehemaligen Ulricianer |