Gespräch zwischen Heiko Decking und Friedemann Rast vom Vorstand des VEU mit der Schulleitung des Ulricianums am 16.Oktober 2000 über die gegenwärtige Situation der Schule. Rede und Antwort standen den Fragestellern die Herren OStD Tade-Wilhelm Risius (Ri) und StD Hans-Jürgen Westermayer (We).
VEU: Herr Risius, Herr Westermayer, Sie sind beide ungefähr gleich alt, so um die 50, aber Ihre Verweildauer am Ulricianum ist verschieden.
We: Ich bin gut 25 Jahre hier.
Ri: ... und ich 13 Jahre.
VEU: Was hat sich nach Ihrer Wahrnehmung in dieser Zeit an der Schule eigentlich am meisten verändert?
We: Fangen wir an bei den Schülern. Die Schüler haben sich verändert. Als ich herkam, hatte ich 34 Schüler in meiner 7.Klasse, die alle relativ brav waren. Heute sind die Schüler schon anders. Sie verlangen mehr Aufmerksamkeit, sie passen sich nicht so schnell bestimmten Regeln an, sind unruhiger, motorischer als noch vor 25 Jahren. Die zweite Sache, die sich nach meiner Wahrnehmung in Bezug auf die Schüler verändert hat: Als ich herkam, und bis in die
80er Jahre hinein, war die Schülerschaft der Oberstufe recht politisch. Es gab aktive Falken, es gab aktive Schülerunions
Mitglieder, es gab sogar aktive Liberale. Viele Kontroversen zwischen den Schülem spielten sich in der BLENDE ab, der Schülerzeitung. All das ist leider tot, und darüber bin ich tief traurig. Gerade was die BLENDE angeht, so ist es für uns sehr schwierig, da wieder was anzuschieben, denn es ist ja auch nicht die Aufgabe der Schulleitung oder der Lehrer, hier etwas am Leben zu erhalten. Dennoch überlege ich immer wieder, ob man nicht diesbezüglich was unternehmen müsste.
Was sich weiterhin verändert hat, diesmal in Bezug auf das Kollegium, ist schwer zu sagen. Mit Sicherheit hat sich die mentale Struktur des Kollegiums verändert. Meine ersten zehn Jahre hier waren Jahre des Aufbruchs. Alljährlich kamen sechs, acht neue Kollegen hinein in die Schule. Es war eine Atmosphäre, in der es spannend war, sich persönlich kennenzulernen, aber auch spannend war, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten, und in der es spannend war, zu versuchen, der Schule Akzente zu verleihen oder ein Gesicht zu geben, wie viele junge Kollegen sich das jedenfalls vorgestellt haben. Danach setzte dann eher eine Phase der Verhärtung ein, eine gewisse Polarisierung im Kollegium. Ich bin froh, dass wir
- jedenfalls nach meiner Wahrnehmung - jetzt wieder in einer Phase sind, in der wir im Kollegium entspannt zusammen arbeiten und wieder versuchen, neue Akzente in verschiedenen Richtungen zu setzen.
Mit Sicherheit hat sich auch einiges in Bezug auf das Gebäude verändert, aber das ist vielleicht ein Thema für sich und später ausführlicher darzustellen.
VEU: Herr Risius, Sie brachten insofern einen besonderen Akzent, als Sie vor Ihren Auricher Jahren eine ganze Weile ein Schwestergymnasium in Emden kennengelernt hatten und dann eben mit den Emder Erfahrungen hierher kamen. Was war damals
- und vielleicht auch noch heute - das Unterschiedliche zwischen diesen beiden Gymnasien in Ihrer Laufbahn?
Ri: Für mich als Newcomer hier am Ulricianum waren das tatsächlich gewaltige Unterschiede zwischen den beiden Schulen. In Emden ist die Schule nur etwa halb so groß gewesen, und ich hatte den Eindruck, dass diese Auricher Schule sich noch in einer Phase immer weiterer Ausdehnung befand. Die Probleme, mit denen ich damals hier konfrontiert wurde
- jeder weiß, dass ich nicht unter den glücklichsten Umständen hierher gekommen bin
- , die habe ich als sehr belastend empfunden. In Bezug auf das Kollegium hat sich dann diese Belastung bald abgebaut, und wenn vorhin gefragt wurde, was sich an der Schule geändert hat, dann würde ich im Nachhinein sagen, dass aus meiner Sicht die wichtigste Änderung nicht hinsichtlich der Schülerschaft, sondern nach meiner Wahrnehmung mehr innerhalb des Kollegiums eingetreten ist.
Und jetzt komme ich wieder zurück auf den Anfang der Frage: Als ich hierher kam, herrschte an dieser Schule eine Atmosphäre, die weniger durch Solidarität und Kollegialität geprägt war, sondern dadurch, dass Kollegen sehr stark ihre eigenen Interessen wahrnahmen und auch um die Berücksichtigung ihrer
- zum Teil sehr berechtigten -Interessen kämpfen mussten. Dass insbesondere auch aufgrund der räumlichen Bedingungen hier eine außerordentliche Anspannung zu verzeichnen war. Ich meine damit, dass wir damals in elf verschiedenen Dependancen in der Stadt unterrichten mussten und dass die Kollegen ständig zu diesen abseits gelegenen Räumen zu wechseln hatten, so dass sie fast keine Zeit der Besinnung fanden und daher nur sehr schwer ihren eigentlichen pädagogischen Aufgaben nachgehen konnten.
Wir hatten ja damals am Ulricianum ungefähr 1400 bis 1450 Schüler, die einfach untergebracht werden mussten, die sich gegenseitig auf die Füße traten, und um die 110 bis 120 Lehrer, für die im Grunde auch im Lehrerzimmer kein Platz war, jedenfalls kein Sitzplatz. Von daher habe ich den Unterschied zu den idealen Bedingungen an der Schule in Emden als sehr wesentlich empfunden.
VEU: Machen wir doch einfach heute einmal einen synchronen Schnitt, um den gegenwärtigen Istzustand des Ulricianums schlaglichtartig durch einige Zahlenangaben zu beleuchten. Was gibt es in einer Rubrik "Das Ulricianum in Zahlen" statistisch anzuführen?
We: Ich habe die heutigen Zahlen gerade noch einmal herausgefischt. Also: Wir haben 1126 Schüler, mit grob gesagt 95 Prozent Unterrichtsversorgung, betreut von etwa 95 Lehrern, wobei je nach Stufe die Durchschnittsgröße der Lerngruppen differiert. In den 7. Klassen sind es jeweils 28 Schüler, bis zur Klasse 10 nimmt die Zahl dann naturgemäß etwas ab. Die Oberstufe regelt sich von alleine, da haben wir im Schnitt ungefähr eine Frequenz von 19 Schülern pro Lerngruppe.
Ri: Das Ulricianum ist unseres Wissens die einzige Schule, die zwei ehemalige Bahnhöfe nutzen kann, ansonsten aber ist
hier das Raumangebot eindeutig unzureichend. Nach der Statistik fehlen uns hic et nunc
- ohne den Anstieg der Schülerzahlen rechnerisch mit einzubeziehen - ca. sieben Klassenräume. Das ist der pure Istzustand. Was für die nähere und weitere Zukunft im Sinne einer Kompensation des Mangels und im Sinne einer Antizipation des zu erwartenden weiteren Andranges auf das Gymnasium an Abhilfe durch Baumaßnahmen zu erwarten ist, wird ein Grundsatzgespräch mit dem Landkreis Aurich als Schulträger Anfang der Herbstferien ergeben. Darüber können wir folglich an dieser Stelle heute noch nichts Genaues sagen.
VEU: Gehen wir also zu einem anderen Thema über. Das Ulricianum hält sich viel auf seine zahlreichen Austauschkontakte mit ausländischen Schulen zugute. Wieviele sind das zur Zeit?
Ri: Auch hier muss man die Sache differenziert sehen. Nicht mit allen Schulen, mit denen wir den Austausch pflegen, tun wir das in gleicher Intensität. Es gibt da ganz problemlose Austausche, aber auch solche, die von unserer Seite her viel Einsatz und viel Freundlichkeit erfordern, um die Kontakte von Schule zu Schule überhaupt aufrecht zu erhalten.
Der optimale und problemloseste Austausch läuft zur Zeit wohl mit der polnischen Schule in Kepno, die auch von ihrer Seite her sehr bemüht ist, die Kontakte mit uns zu pflegen. Wir tun das auch nicht nur aus ostfriesischer Freundlichkeit, sondern weil wir grundsätzlich überzeugt sind, dass gerade im Hinblick auf eine Bildung unserer Schüler, was die Geschichte und Kultur des
mittel- und ostmitteleuropäischen Raumes anbelangt, ein Defizit und ein Nachholbedürfnis besteht, und weil wir meinen, dass wir den Menschen dort etwas Gutes tun, etwas bieten können. Von polnischer Seite möchte man unbedingt, dass man mit den Menschen kommuniziert, sie unterstützt. Man ist dort der Überzeugung, in der einen oder anderen Hinsicht auch etwas von uns lernen zu können, vor allem aber: dass auf jeden Fall eine Weiterentwicklung Europas möglich ist im Sinne einer wechselseitigen Bildung. Das ist mit anderen europäischen Nachbarstaaten ja nicht unbedingt der Fall. Da ist vielleicht die Einstellung der für die Schulen maßgeblichen Kreise, auch der Verantwortlichen in Schulleitungen, im Hinblick auf Schulkontakte etwas anders.
We: Es laufen vom Ulricianum aus regelmäßige Austauschfahrten mit etwa sechs Schulen. Das sind die beiden polnischen Schulen in Kepno und Wroclaw, da sind die beiden englischen Schulen in Newquay und Spilsby, wobei wir da immer wieder Probleme haben, weil die Schulen sehr unflexibel sind und Schwierigkeiten mit dem Reagieren haben. Wir haben daneben in Frankreich die neue Schule in Luneville in Lothringen
- da startet jetzt der erste Gegenbesuch. Dann lässt sich sehr gut der Kontakt mit Leeuwarden im niederländischen Friesland an, wo im Moment die zweite Schüleraustauschrunde aktuell ist und der Gegenbesuch im Dezember erfolgt. Wenn wir Bitterfeld mit dazu zählen, dann ist von all fen früheren Austauschaktivitäten zumindest der Bereich des Ökologiekurses übrig geblieben, der weiter zusammen arbeitet und sich einmal pro Jahr gegenseitig besucht. Und natürlich gibt es auch noch Vista in den USA, womit auch jedes Jahr Kontakte von Kontinent zu Kontinent stattfinden.
Ri: Vista bei San Diego in Kalifornien ist auch eine von den Schulen, die an dem Kontakt besonders interessiert sind. Das hängt erklärlicherweise auch mit der Situation der amerikanischen Lehrkräfte in ihrem Land zusammen, denn diese Lehrkräfte stehen unter einem gewissen Erfolgszwang. Das heißt nur wenn sie einer Schule einen Deutschunterricht bieten können, zu dem sich auch Schüler melden und für den diese Interesse bekunden, behalten sie ihren Job. Wenn keine Schüler mehr kommen, dann verlieren die Lehrer ihre Anstellung und werden entlassen. Da leisten wir durch intensive Kontakte also ein bisschen Entwicklungshilfe im Bezug auf Aufrechterhaltung eines Deutschunterrichts und deutschkundlicher Unterrichtseinheiten in Amerika, wohinter man glaube ich
- auch mit Überzeugung stehen kann.
We: Das sind also, wenn man nachzählt, immerhin acht Schulen, mit denen zur Zeit einigermaßen regelmäßige Kontakte laufen. Leider eingeschlafen ist der Austausch mit Grasse in Südfrankreich, wo es keinen Deutschunterricht mehr gibt. Dafür haben wir als Ersatz Luneville. Mit Moskau ist leider
seit mehreren Jahren nichts mehr passiert - das liegt an den strukturellen Rahmenbedingungen. Und es hat keinen Austausch mehr gegeben mit Kopenhagen in Dänemark, weil das ein auf sehr persönlichen Beziehungen zwischen zwei Lehrern basierender Austausch war.
Daneben haben wir ja auch noch das Comeniusprojekt, wobei aus dem Kreis der hier genannten Schulen Newquay, Kepno und Wroclaw mit arbeiten, außerdem eine Schule in Tschechien, in Pribram in der Nähe von Prag, und eine Schule in Norwegen, in Nesbru bei Oslo. Die Norweger würden auch mal gern wieder einen Austausch machen, nur ist es dann schwierig, Kollegen zu finden. Interesse ist auf deren Seite unbedingt da.
Ri: Die Frage, die sich bei so intensiven Kontakten stellt, ist natürlich immer: Wieviel Austausch verträgt die Schule? Ich bin in der Hinsicht sehr glücklich, dass die letzte schulinterne Lehrerfortbildung vom Februar dieses Jahres ein eindeutiges Votum ergeben hat. Praktisch das ganze Kollegium hat gesagt, die Internationalität, das interkulturelle Lernen, die internationalen Kontakte sind das Markenzeichen dieser Schule. Und die Schule scheint auch deutlich dahinter zu stehen, diese Kontakte aufrecht erhalten zu wollen, unseren Schülern diese Kontakte als Bildungsmöglichkeiten weiterhin bieten zu wollen. Dazu gehört dann natürlich auch, dass solidarisch innerhalb des Kollegiums der Unterricht, der in Austauschzeiten eben nicht regulär gegeben werden kann
- weil die Lehrer Gruppen betreuen -, durch andere Lehrkräfte aufgefangen und in Vertretung erteilt wird. Der Konsens darüber scheint mir an der Schule deutlich gegeben zu sein.
VEU: Damit haben Sie eigentlich schon eine Antwort auf die nächste Frage vorweg genommen. Wir wollten nämlich von Ihnen wissen, was die Stärken der Schule sind, worauf das Ulricianum besonders stolz sein kann, was hier sozusagen die Highlights sind. Was wäre außer dem üppigen Austauschprogramm und der Internationalität denn noch zu nennen?
We: Ich glaube, dass wir mit Sicherheit stolz sein können auf die hohe Anzahl von Kollegen, die bereit sind, außerhalb des Unterrichts sich für Projekte bestimmter Arbeitsbereiche zu engagieren. Wenn ich mit Lehrern anderer Schulen beisammen sitze und zu erzählen anfange, dann kommen die immer wieder ins Staunen darüber, was bei uns an der Schule alles los ist, und wenn dann versucht wird, mal vorsichtig abzuschätzen, wieviele Kollegen wohl als Aktivisten in dieser Richtung gezählt werden können, dann schneiden wir mit unserem diesbezüglichen Prozentsatz hier im Kollegium mit Sicherheit gut ab.
Das gilt nicht nur im Bereich der Internationalität, das betrifft auch viele andere Dinge. Sei es ein Engagement im naturwissenschaftlichen Bereich unter dem Stichwort "Wissenschaftstage"
- auf dieses Projekt als eines der Highlights dieser Schule können wir ganz gewiss besonders stolz sein
- , oder sei es ein Engagement auf dem sportlichen Sektor. Wenn ich sehe, wie eine Kollegin oder wie Kollegen durch die Gegend fahren, nur um den Schülern die Teilnahme an
Ruder- oder Segelwettbewerben zu ermöglichen, oder wieviel Arbeit auch in das Sportfest gesteckt wird, dann sind das doch immer wieder Punkte, die man schnell vergisst oder sogar übersieht, wo aber doch ein hohes Maß an Freizeit und Engagement eingebracht wird.
Ri: Und ich finde, wir müssen jetzt unsere Vorreiter-Rolle, die wir im Bereich der Neuen Technologien lange Jahre gehabt haben, dringend wieder stärken. Auch da haben wir in unserem Kollegium vergleichsweise wenig Probleme, bei den Kollegen die Bereitschaft zu finden, sich selbst fortzubilden und so den Ansprüchen der Schüler gewachsen zu sein. Dabei geht es heute gar nicht mehr um die technische Beherrschung eines Computers oder ähnliches, sondern es geht vorwiegend um die Frage, was kann ich mit den Neuen Technologien anfangen, wie kann ich sie für meine Wissenserweiterung, ja für meine Bildung nutzbar machen. Auch da leistet unsere Schule sehr Gutes, da gibt es eine ganze Reihe von Kollegen, die sich aktiv beteiligen, die auch mit den Schülern auf diesem Gebiet arbeiten. Ich würde, allen voran, wieder einmal das hervorragende Projekt der ULRICIANUM TIMES erwähnen, was wirklich vorbildlich ist für interdisziplinäres Lernen und dem seit Jahren besonderer Erfolg beschieden ist. Die Auszeichnung in London in diesem Jahr beweist es wieder.
VEU: Resultate eines Lernens, bei dem die alte, klassische Lehrer-Schüler-Grenze überhaupt nicht mehr da ist! Unserem Eindruck nach weiß da jeder etwas, und man arbeitet halt wirklich zusammen und trägt sein Teil zum Resultat bei. Da ist dann unversehens eine ganz neue Art von Schule verwirklicht.
We: Überhaupt gehört auch der ganze AG-Bereich dazu, auf den wir stolz sein können, weil dort eine wahre Fülle von Aktivitäten vorhanden ist. Und das alles würde ich auch immer unter spezifisch gymnasialen Aspekten sehen, nicht etwa nur als so eine Art Ersatz für Freizeitaktivitäten. Möglichkeiten auf dem Sektor bieten ja reichlich die Kirchen an, die Sportvereine, und wer noch immer! Aber dass wir den Schülern eine Chance geben, ihre spezifischen Fähigkeiten in ein Projekt intensiver einzubringen, wie es im normalen Unterricht, selbst im Projektunterricht im Klassenrahmen, so nicht möglich wäre, dafür sind die Arbeitsgemeinschaften ein hervorragendes Instrument. Die gerade erwähnte AG der ULRICIANUM TIMES ist hierfür ein Beispiel. Da sind neuerdings als jüngste Errungenschaft zwei Achtklässler dabei, die sind im Bereich Internet derart fit, dass man es kaum glauben mag!
Ri: Ich würde auch hinzufügen, dass das Theaterprojekt 75 des Kollegen Wilfried Lange schon seit Jahren nach diesem System ganz ausgezeichnet funktioniert. Da werden vom Lehrer als dem Projektleiter tatsächlich die teilnehmenden Schüler als gleichberechtigte Partner bei der Entwicklung der Ideen, bei der Inszenierung, bei der Interpretation der Rollen einbezogen. Das ist ein Teil modernen Lernens am Gymnasium, eines demokratischen Lernens, bei dem der Lehrer eine Moderatorenrolle wahrnimmt. Das gibt es so tatsächlich bei uns. Genauso gerne füllen wir natürlich im Unterricht nach wie vor auch unsere herkömmliche Lehrerrolle aus.
VEU: Aber nun müssen wir nach all dem Positiven auch die andere Seite sehen. Wo liegen am Ulricianum nach Ihrer Einschätzung die Schwächen, die Probleme und Schattenseiten? Fangen wir einmal mit den hausgemachten an
- wenn man das überhaupt unterscheiden kann - und kommen dann zu den fremdbestimmten.
Ri: Schattenseiten an dieser Schule sehe ich an und für sich weniger. Aber das mag meiner begrenzten Innensicht zuzuschreiben sein. Ein Defizit scheint mir vor allem in der Hinsicht zu bestehen, dass wir uns alle gemeinsam bemühen müssen, die Schule als einen Bereich weiterzuentwickeln, in dem nicht nur Unterricht gehalten wird, sondern in einem weiteren Sinne "Lernen" stattfinden kann und "Lern"prozesse zeitgemäß organisiert werden können. Da haben wir Probleme, den längst erkannten Möglichkeiten, welche die moderne Schule bieten könnte, tatsächlich Raum zu geben, Weil wir nicht genug Geld haben zur Ausstattung mit Geräten der Neuen Technologien, weil uns zum Teil geeignete Räumlichkeiten fehlen und weil wir vor allem eine vernünftige Bibliothek inklusive Mediathek sehr entbehren, herrscht diesbezüglich am Ulricianum eindeutig ein Mangel. Nicht minder geht es uns um die Schaffung von Ausstellungsmöglichkeiten und Darbietungsraum, wo Schüler und Lehrer Produkte ihrer gemeinsamen Arbeit oder Gegenstände ihres besonderen Interesses präsentieren können.
Wenn man einmal sieht, wie eine Schule wie das Niedersächsische Internatsgymnasium in Esens sich neuerdings entwickeln konnte aufgrund der Zuschüsse, die zur EXPO in diese Schule geflossen sind, dann gehen einem die Augen über. In Esens hat sich eine ganz tolle Atmosphäre entwickelt, in dem Sinne, dass im Internatsgymnasium wirklich eine Lernumgebung gestaltet wurde, in der die Schüler in einem
Riesen-Innenraum fortwährend die Möglichkeit haben, in den Pausen als "aktiven Pausen" ihre Mitschüler über ihre Projekte zu informieren, Stellwände zu gestalten und vieles mehr. Schüler, die interessiert sind, kommen zusammen, las sen sich ansprechen von dem, was im Unterricht ihrer Freunde so alles erarbeitet wurde. Das ist eine ganz andere, entspanntere, gleichzeitig interessantere Form von Gymnasialleben, und ich bin überzeugt, dass auch wir in Aurich uns in diese Richtung entwickeln müssen. Dazu jedoch bedarf es schon massiver Unterstützung!
VEU: Aber genau das ist ja die Kernfrage: Ist das alles, was man so über vorbildliche Einrichtungen hört ? Sie sprechen
über Esens mit seinen EXPO-Geldern, man könnte auch an das vielgenannte Evangelische Stiftische Gymnasium in Gütersloh mit seinen Unterstützungs- Millionen von Bertelsmann denken
- , auch von einer normalen Schule mit einer normalen Finanzausstattung für sich umsetzbar, realisierbar?
Ri: Im Internatsgymnasium Esens kommt zusätzlich noch hinzu, dass dort die Internatsschüler schließlich auch den ganzen Tag anwesend und verfügbar sind. Wenn die Kollegen dort ein Projekt erarbeiten wollen, können sie mit den Schülern voll, auch in deren Freizeit rechnen, sie also motivieren, auch über die paar herkömmlichen Schulstunden hinaus an einem gemeinsamen Projektvorhaben weiterzuarbeiten. So sind dann unter Einbringung von Freizeit dort tolle künstlerische Leistungen entstanden, tolle Ausstellungen, tolle Videos. Das geht auch über das hinaus, was schulische Arbeitsgemeinschaften normalerweise zustande bringen.
Ich meine, dass der Trend langfristig durchaus dahin geht, dass auch wir einen größeren Teil der Nachmittagszeit unserer Schüler mit in Anspruch nehmen werden. Die Gesellschaft fordert, dass die Schulkinder länger betreut werden. Somit wäre auch von daher die Möglichkeit zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung gegeben. "Bildende Freizeit" quasi, die wir am Gymnasium zu einem Teil nutzen könnten. Dennoch bin ich immer noch der Meinung, das Gymnasium lebt auch mit von dem Eigeninteresse der Schüler, das sich auf außerschulische Außenkontakte der jugendlichen erstreckt: beispielsweise im Sportverein, in der Kunst, in der Musik, in vielen persönlichen Interessen. Das muss die Schule nicht auch noch regeln, das können die jungen Leute auch selbst organisieren. Gymnasiasten zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie wissen, wie man etwas auf die Beine stellt, dass sie zu Spezialisten gehen, bei denen sie ihr besseres "Training" bekommen.
We: Um noch einmal jenen anderen Aspekt der Frage ins Gespräch zu bringen: Natürlich sind wir in einer schwierigeren Situation als die Schulen in freier Trägerschaft oder kleinere Schulen, die ganz andere "Schienen" verfügbar haben, um Geldquellen anzuzapfen, Da haben wir es natürlich schwieriger, zumal hier in Ostfriesland. Dennoch kommen auch wir nicht umhin, ähnliche Modelle der Finanzierung zu versuchen und zur Not halt auch Klinken putzen zu gehen, um jeweils projektbezogen Geld zu sammeln. Das wird in Zukunft wahrscheinlich sogar stärker notwendig werden, wenn die öffentliche Hand noch weniger Mittel zu vergeben haben wird!
VEU: War dies nun eine Fensterrede mit Blickrichtung auf die ehemaligen Ulricianer, die in unserem Verein organisiert sind?! Aber seien Sie versichert, wir würden dieses Gespräch mit der Leitung unserer alten Schule nicht führen, wenn wir nicht ein offenes Ohr für manche Feinheiten Ihrerseits hätten ...
Ri: Sie können sicher sein, plump sind wir nicht. - Ich möchte den Gedanken des Kollegen Westermayer fortführen. Persönlich würde ich mir natürlich wünschen, dass unsere Eltemschaft eine Einstellung zum Ulricianurn entwickelte, wie sie bei Schulen in freier Trägerschaft gang und gäbe ist, Dort unterstützen die Eltern die Schule regelmäßig durch finanzielle Zuwendungen
- gar nicht einmal so riesig hoch -, und entwickeln mit ihren Kindern ein Interesse am Erfolg. Diese Schulen haben dadurch einen riesigen Gestaltungsspielraum für eigene Akzentsetzungen: für Dinge, die sie in ihrer regionalen Schulumgebung gut mit ihren Schülern auf die Beine stellen können. Solche Schulen sind im Augenblick dabei, die "nur" öffentlich geförderten Schulen, wie wir eine sind, zu überholen. Und das greifbar gewordene Elterninteresse
- die Eltern dort wollen schließlich wissen, was man mit ihrem Geld Sinnvolles angefangen hat
-, spornt wiederum die Schulen auch zu guten Leistungen an. Das sollten auch wir uns in ähnlicher Weise zu Nutze machen, scheint mir.
We: Ja, das ist wieder ein Schlüsselpunkt: Identifikation mit der Schule! Darauf muss bei uns am Ulricianum noch viel stärker hingearbeitet werden. Einiges in der Richtung hatte sich bei uns zweifellos durch das Schuljubiläum ergeben, aber diesbezüglich müssen wir noch viel mehr erreichen, bei der Schülerschaft und bei den Eltern auch. Und sollte auch das Kollegium als Ganzes an dieser Stelle zu erwähnen sein?! Insgesamt sicher eine längerfristige, nicht einfache Aufgabe, weil eine solche Identifikation ja wirklich alle einbeziehen muss...
Ri: Noch eine Seitenbemerkung hierzu: Die Identifikation der Eltern mit der Schule ihrer Kinder ist zum Beispiel an den Grundschulen durchaus gegeben und sehr gut zu erkennen. Was tun und organisieren Eltern nicht alles, solange ihre Kinder in der Grundschule sind! Was stellen die nicht alles auf für ihre Kinder, für deren Schule, für eine gute Ausbildung! Wir als Schule müssen lernen, wie das Elterninteresse für den Lernort und für den Lernfortschritt ihrer Kinder aufrecht erhalten werden kann. Hierin können wir uns noch sehr verbessern, allerdings.
We: Damit das Selbstkritische dabei nicht unter den Tisch fällt: Ein hausgemachtes Problem haben wir mit Sicherheit, und das ist die schiere Größe unseres Systems. So sehr wir auch fortwährend versuchen, Organisationsabläufe möglichst reibungslos in Gang zu setzen und am Leben zu erhalten
- es ist bei einem so großen "Laden", salopp gesagt, immer irgendwo "der Wurm drin". Und so sehr man sich Mühe gibt, so läuft immer mal etwas schief und wird falsch gemacht. Um so erfreulicher ist es, wenn diese Pannen im Kollegium bzw. in der ganzen Schule hier eben freundlich zur Kenntnis genommen und gelassen ertragen werden. Ich glaube, im Ulricianum haben wir im Moment eine solche Atmosphäre der Freundlichkeit, die für unsere Arbeit an der Leitungsposition sehr hilfreich ist. (Ri bestätigt im Hintergrund.)
VEU: Es war die Rede davon, es sei absehbar, dass die Schülerschaft wieder energisch anwächst. Zur Zeit hat das Gymnasium, wie Sie sagten, 1126 Schüler. War nicht schon eine Population von erneut 1400 Schülern im Gespräch? Und tauchte nicht schon das Gerücht von einem Teilungsgespenst auf? Gibt es tatsächlich solche Pläne, das Auricher Gymnasium in zwei Schulen gleicher Art zu teilen? (Ri lacht.)
Ri: Ich lache, weil das Fragen sind, bei denen man im Augenblick nur orakeln kann: Was wird mit dieser Schule in der näheren oder weiteren Zukunft
geschehen- Orakeln kann man wirklich nur, weil wir alle noch nicht wissen können, wie die Beschaffenheit der Bildungslandschaft in Niedersachsen in nur drei oder vier Jahren aussieht. Es wird innerhalb von kürzester Zeit eine gewaltige Veränderung des Bildungsbereichs geben. Ganz sicher ist schon, dass wir erwarten müssen, dass wir am Gymnasium wieder die Klassen 5 und 6 dazu bekommen und den 13. Jahrgang als Regelklasse verlieren werden.
Aber wie sich das Gymnasium nun insgesamt weiter entwickelt, das ist sehr schwer zu sagen. Davon hängt ja auch die Zukunft ganzer anderer Schulformen ab, über die ich jetzt besser nicht spekulieren möchte. Das mögen andere Schulleiter im Gespräch mit der Auricher Presse tun; ich halte mich tunlichst zurück. Es ist, hiervon abgesehen, anderen Orts die Rede davon, dass
- wenn man die Dinge von politischer Seite nicht ganz genau lenkt - das Gymnasium bald einen Anteil von 50 Prozent eines Schülerjahrgangs aufweisen könnte. Und das wäre dann zweifellos nicht mehr das Gymnasium, das wir heute kennen. In den Großstädten haben wir eine solche Situation heute schon zum Teil, aber die würde dann dereinst sicher noch prekärer werden.
VEU: Gut, unterhalten wir uns in einigen Jahren noch einmal, wie sich diese Dinge großflächig entwickelt haben. Dann können wir auch an unserer Auricher Zeitschiene sehen, was sich
kurz-, mittel- und langfristig verändert haben wird. Lassen wir also die Prognosen, fragen wir Sie lieber ganz konkret, was Sie am Ulricianum für Wünsche im Hinblick auf die Zukunft haben.
Ri: Meinem Wunsch entspricht es jedenfalls nicht, 50 Prozent der hiesigen Schüler zu betreuen, ich wäre weiterhin mit dem Anteil an der Schülerschaft zufrieden, den wir gegenwärtig haben, zwischen 20 und 30 Prozent. Wir dürfen dabei am Gymnasium nicht vergessen, dass wir als Bestandteil des gegliederten Systems in unserer Schulform hinsichtlich der Talente und Begabungen unserer Schüler schon jetzt wahrscheinlich das weiteste Spektrum zu unterrichten haben. Während Hauptschule und Realschule eher jeweils eine deutlicher eingegrenzte Palette von Fähigkeiten, Begabungen und Interessen bei ihren Schülern vorfinden und sich also eigentlich mit ihrem Angebot besser auf ihre Schülerschaft einstellen können!
Um so wichtiger muss es also für uns am Gymnasium sein, die innere Differenzierung voran zu treiben. Das können wir natürlich nur, wenn den Lehrkräften hinreichend Zeit bei der Vorbereitung eines solchen binnendifferenzierten Unterrichts eingeräumt wird. Ich nehme aber nicht an, dass die Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen in nächster Zeit dergestalt erleichtert werden wird, sondern ihnen droht höchstens eine noch weitere Belastung. Natürlich müssten wir auch die technischen, räumlichen, sächlichen Möglichkeiten haben, derartig differenziert zu unterrichten. Aber das Geld, um dies zu gewährleisten, das sehe ich nicht fließen. Also kann ich daraus nur den Wunsch ableiten, das Gymnasium zukünftig nicht zu groß werden zu lassen.
VEU: Kommen wir zu den handfesten Veränderungen im Nahbereich. Demnächst soll ja, wie man hört, am hinteren Schulhof des Ulricianums die Abrissbirne ihr Werk beginnen. Was wird abgerissen, was soll dafür neu entstehen?
We: Ganz sicher werden auch wir das erst in den Herbstferien nach jenem erwähnten wichtigen Gespräch mit dem Landkreis Aurich wissen. Aber die Planung geht dahin, dass die kleine Turnhalle aus der Ära des Direktors Onnen abgeräumt wird und dass an der Stelle statt dessen große Unterrichtsräume entstehen, ebenso Räume für die Verwaltung. Und dass wir von der Schulleitung aus diesem Bereich des Hauptgebäudes, wo gerade unser Gespräch stattfindet, ebenfalls ausziehen, damit hier wieder gemäß der ursprünglichen Bestimmung Klassenräume eingerichtet werden können. Immerhin vier Klassenräume lassen sich so in diesem Part des Hauses gewinnen. Es ist ferner die Hoffnung, dass der rückwärtige Pavillon zwischen Schulgelände und Friedhof abgerissen wird und dass an der Stelle in
L-Form weitere Unterrichtsräume entstehen.
Ri: Herr Westermayer kann in diesem Zusammenhang für den Infrastruktur-Ausschuss sprechen, der sich Gedanken macht über die weitere Ausgestaltung des Geländes. Meinem eigenen Wunsch würde es entsprechen, den Innenhof wesentlich freundlicher zu gestalten, um ihm diese Gefängnishof-Atmosphäre zu nehmen. Da könnte ich mir nach Art eines römischen Atriums eine wunderschöne Binnengestaltung vorstellen, die wirklich anregend wäre und bei den Schülern ein
Sich-Wohlfühlen bewirken würde.
VEU: Wenn man sich den hinteren Teil des inzwischen weitläufigen Campus anschaut, so sind zweifellos im Vergleich mit früher bedeutende Veränderungen zum Besseren erzielt worden. Auf welche bauliche Neugestaltung ist die Schule mittlerweile am meisten stolz? Was hat sich am besten bewährt?
Ri: Ich glaube, mit Stolz erfüllt uns vor allem der hervorragende Güterschuppen als der beste Teil des von uns hinzu gewonnenen früheren Bahnhofs, weil er einfach Atmosphäre hat und wegen der Abmessung des Raumes und der Vielfalt seiner Nutzbarkeit auch für kleinere kulturelle Veranstaltungen Schüler und andere wirklich anregt, Dinge zu organisieren. Sei es, dass die Wissenschaftstage dort stattfinden können in einem überschaubaren, von den Referenten auch so gewünschten, kleinen Kreis, der zumindest zur Hälfte aus Schülern besteht, und sei es, dass die Schüler dort Netzwerksessions arrangieren können, ungestört und ohne andere zu stören. Theateraufführungen können dort erwiesenermaßen in einer ganz tollen
Studio-Atmosphäre stattfinden wie in einem Zimmertheater, mit großer Nähe zwischen Publikum und Schauspielern. Ich glaube, das ist der glücklichste Raum, den wir geschaffen haben.
We: Leider muss man immer wieder einschränkend dazu sagen, dass wir natürlich
- wenn neue Räume eingerichtet wurden - uns immer an den alten, bestehenden Gebäudestrukturen beider Exbahnhöfe orientieren mussten. Dass wir also nicht wie auf der grünen Wiese sozusagen unsere
Wunsch-Raumverteilung ersinnen und verwirklichen konnten, sondern eher trickreich versuchen mussten, wie wir die Raumwünsche und
-vorstellungen dort im nun einmal Vorhandenen "unterbringen" konnten. Das hat uns dann natürlich an gewisse Grenzen geführt.
Um aber noch einen weiteren gelungenen Bereich zu erwähnen, der mir auch selbst am Herzen liegt: Das ist das erste Geschoss im früheren Kreisbahnhof, das bisherige RCC. Das hat sich als ein Bereich erwiesen, wo Projektarbeit ideal möglich ist, weil zum einen die Infrastruktur vorhanden ist mit einer kleinen Kaffeeküche, einem Seminarraum und natürlich diesem Computerraum. Und sowohl im Bereich der praktischen Arbeit des Comeniusprojektes als auch während Klassenprojekten wie dem
Computer-Deutschvorhaben des Kollegen Wilfried Lange oder Projekten Joachim Heines oder bei der Zeitungsarbeit: Es ist dort einfach optimal
- man kommt die paar Schritte aus der Schule raus, hat kein Pausengebimmel mehr und kann sich richtig ganz für sich in seine Vorhaben vertiefen. Das ist dort eine Zone, die ich unbedingt erhalten möchte und von der ich hoffe, dass sie
- vielleicht unter einem neuen Label wie MMC (Multi-Media-Center) - uns erhalten bleibt.
Ri: jetzt sind wir alle ganz gespannt, ob die im - gerade wunderschön restaurierten
- früheren Kreisbahngebäude neu einzurichtende Cafeteria ein ähnlicher Glücksgriff sein wird, wo wir dann die einstigen
Kleinbahn-Speisesäle zweiter und dritter Klasse mit einer klassischen Verkaufstheke ausstaffieren, mit einem stilgerechten Büffet, so wie es früher zu Zeiten der Kleinbahn schon einmal existierte. Es wird die alte Raumstruktur in den Wartesälen wieder hergestellt, und wir haben dann sehr einladende Aufenthaltsräume, die auch die Schüler anregen sollen, sich dort mittags zu begegnen und nachmittags und abends das Gebäude für sich zu nutzen. Wir haben die Hoffnung, dass ein tüchtiger privater Pächter dazu beitragen wird, dass die Schüler das Angebot gerne annehmen und die dargebotenen Möglichkeiten auskosten, sich zu treffen, zu feiern oder einfach sich zu entspannen.
VEU: Dieser Pächter, ist er schon bestimmt, hat er sich schon gemeldet?
Ri: Wir haben bislang erst die Elemente, Bestandteile eines Vertrages zu Protokoll gegeben darüber, was wir uns wünschen: dass in den Pausen hinlänglich Personal anwesend ist, dass von den Schülern eine "Mittagsbrücke" bis zum Beginn des Nachmittagsunterrichts dort verbracht werden kann, dass aber auch bei bestimmten Abendveranstaltungen nebenan im Güterschuppen diese Cafeteria geöffnet werden kann. Und dass Schüler, wenn sie besondere Projekte oder Aktivitäten planen, mit dem Pächter Vereinbarungen treffen können. Zu dem neuen Kreisbahngebäude werden auch Aufenthaltsräume für Schüler zählen, in denen sie in Freistunden Hausaufgaben machen oder zu verschiedenen Tageszeiten warten können, bis der jeweilige Unterricht anfängt. Wenn sie frühmorgens mit dem Bus angekommen sind, können sie sich dort bis zu ihrer ersten Stunde aufhalten. Zugleich sollen diese Räume auch für Klassenfeste genutzt werden.
We: Wenn wir die Lokalitäten des Ulricianums erwähnen, mit denen wir zufrieden sein können, sollten wir auch die Musikfachräume im alten Bahnhofsgebäude einbeziehen. Zumindest hebt das die
Musik-Fachgruppe immer hervor, dass diese Fachräume sich im Vergleich mit dem Standard anderer Schulen durchaus sehen lassen können. Und natürlich können wir noch einmal die Qualität der Räume in unserem
Naturwissenschaften-Trakt ansprechen, die durchdacht geschnitten und zueinander angeordnet und wirklich vorbildlich ausgestattet sind.
VEU: Bleiben wir bei einer Bestandsaufnahme, aber kommen wir zu einem ganz anderen Thema. Was in der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht richtig bekannt ist und was unsere ehemaligen Schüler wohl noch viel weniger wissen, sind diese doch viel zahlreicheren Kontakte und Verzahnungen mit anderen Schulen der Umgebung, als man sie von einem Gymnasium gemeinhin erwarten würde. Was für Verbindungen bestehen vom Ulricianum aus zu den umliegenden Schulen? Und welche Schulen sind das überhaupt?
Ri: Das ist Weltanschauung für uns, ein Teil unseres Selbstverständnisses, dass wir offen sein wollen zu Stadt und Umland, und zwar in vielfältiger Weise. Die wichtigste Form dieser Offenheit ist natürlich die gegenüber den benachbarten Schulen in Aurich und darüber hinaus. Leider gestaltet sich die Kontaktpflege zu den Orientierungsstufen im Moment nur noch so, dass wir vom Ulricianum Lehrer nur abordnen, weil das Lehrerdefizit dort noch größer ist als bei uns. Wir bevorzugten die frühere Wechselseitigkeit, dass nämlich von jeder OS wenigstens ein Lehrer seine Schüler am Gymnasium quasi weiter begleitet, also ein paar Stunden am Ulricianum unterrichtet und so auch die Kontakte zu hiesigen Fachkollegen aufrecht erhält. Auch dass diese "Gastlehrer" ab und zu mal wechseln, so dass die verschiedenen Fächer ihrer Herkunftsschulen berücksichtigt werden.
Aber unsere OS-Kontakte sind insofern sehr intensiv geblieben, als von uns aus so viele Lehrer wie kaum zuvor an die Orientierungsstufen abgeordnet werden. Das Deputat liegt im Bereich von 180 Stunden, das würde dem Unterrichtseinsatz von acht bis neun Lehrern entsprechen. Tatsächlich sind aber die meisten unserer gymnasialen Lehrkräfte jeweils nur mit einigen Stunden an eine OS abgeordnet, so fünf bis sechs Stunden durchschnittlich. Somit sind dann tatsächlich ungefähr 25 Lehrer vom Ulricianum an dieser Art Kontakten beteiligt.
Ebenso wichtig sind die Beziehungen mit den Berufsbildenden Schulen in Aurich und zur IGS
Aurich-West. Mit der IGS verbindet uns seit einigen Jahren in der gymnasialen Oberstufe ein gemeinsamer
Sport-Leistungskurs. Wir hatten an unserer Schule beschlossen, dass wir Sport nicht als Leistungsfach anbieten wollten, an der IGS ist das anders, so dass sich der Leistungskurs nun aus Schülern beider Oberstufen zusammensetzt. Erteilt wird er an der IGS, aber der Lehrer für diesen Kurs kommt zur Zeit vom Ulricianum. Und nach diesem Muster gehen die Kontakte auch in anderen Fachbereichen weiter: Französischkurs, Religionskurs und Physik jetzt auch
- überall da wird, um den Schülern in Aurich ein vielseitiges Kursangebot zu präsentieren, problemlos mit der IGS kooperiert.
An die BBS ordnen wir ebenfalls Lehrer ab. Da besteht ja das beispielhafte Projekt unserer
Segel-AG, wo eine Lehrkraft von den Berufsbildenden Schulen mit unseren Schülern der 7. und 8. Klassen Schiffe baut, die Schiffe weiter betreut und notwendigenfalls Reparaturen vornimmt. Dafür ordnen wir dann im Gegenzug Lehrkräfte vom Ulricianum mit einigen Stunden zur BBS ab, in den Fachbereichen, in denen dort Mangel besteht. Und natürlich vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht das Flaggschiff Wissenschaftstage, die ja bekanntlich zusammen mit der BBS II organisiert werden.
We: Nun haben wir uns schon eine ganze Weile unterhalten, aber noch nicht genügend deutlich über die Wünsche gesprochen, die das Ulricianum hat. Unseren Bedarf an Räumen haben wir in diesem Gespräch beispielsweise erwähnt, nicht aber den Bereich Manpower berücksichtigt. Ein ganz wesentlicher Wunsch ist zur Zeit, dass die Unterrichtsversorgung nicht absackt. Es besteht ja die große Sorge, dass wir an der Schule nicht wieder in die Situation der später
60-er und frühen 70-er Jahre kommen, dass wir also nicht noch einmal in der Unterrichtsversorgung so abrutschen wie damals, als sie bis auf 80 Prozent oder sogar noch darunter abgesunken war. So schön das für die Schüler subjektiv auch ist, wenn sie wegen Lehrermangels in der Mittelstufe ganze Tage schulfrei haben! (Decking erinnert sich an seine Schulzeit.)
Insofern hoffen wir doch, dass wir unsere heutige Unterrichtsversorgung halten oder noch verbessern können, so dass wir um die 100 Prozent mit Lehrerstunden versorgt sind. Und dass wir vor allem auch junge Kollegen nachbekommen, denn eines der sattsam bekannten Probleme am Ulricianum ist ja die Überalterung des Lehrerkollegiums. Das merken wir tagtäglich beim Erstellen des Vertretungsplans: an unverhofften Lehrerausfällen, bei langfristigen Krankheiten, bis hin zu traurigen Schicksalen von Kollegen, die plötzlich so krank sind, dass sie Knall auf Fall ganz ausscheiden müssen. Deswegen brauchen wir einfach neue, junge Kollegen, damit wirklich in der Altersstruktur des Kollegiums wieder eine gesunde Mischung zustande kommt und die Unterrichtsversorgung stabil bleiben kann.
VEU: Beispiele für erfreuliche Neuzugänge gibt es ja. Wir hörten von zumindest einer jungen Lehrerin von auswärts, die sich von der Präsentation des Ulricianums auf seiner Website im Internet derart ansprechen ließ, dass sie auf die Schule neugierig wurde und sich entschloss, nach Aurich zu
kommen.
Ri: Das ist überhaupt aus meiner Sicht heute und in Zukunft ganz wichtig, dass wir unsere Schule ansprechend und überzeugend "vermarkten". In der Tat geschieht das beispielsweise per Internet, wobei man einmal praktisch sieht, wie wichtig heutzutage die Kenntnis und Anwendung der Neuen Medien für ein modernes Gymnasium ist. Zu unserer positiven Außendarstellung gehört aber auch
- und das muss ich hier noch einmal unterstreichen - , dass wir am Ulricianum unsere bauliche Struktur, das ganze äußere Lernumfeld deutlich verbessern. Denn wir haben es bei jungen Lehrern auf Stellensuche auch schon erlebt, dass solche Interessenten bei Führungen durch die Schule klipp und klar sagten, an so einer Schule mit so einem Ambiente möchten sie nicht arbeiten.
VEU: Klar, weil halt im zentralen Baukörper die Klassenräume von 1908 halt die Räume von 1908 sind und die engen Flure von 1908 eben auch nur die Breite von 1908 haben!
We: ja, man müsste die Räume heller und freundlicher gestalten. Das war tatsächlich bei der letzten
Interessenten-Vorstellungsrunde für mich etwas frustrierend, dass die Kandidaten für die Besetzung ausgeschriebener Lehrerstellen ganz offen ihre Absage an das Ulricianum mit dem baulichen Zustand unserer ganzen Anlage begründeten. Auf die hat die Schule, so wie sie sich zur Zeit präsentiert, einen abschreckenden Eindruck gemacht!
VEU: Sicherlich nicht nur wegen des baulichen Erhaltungszustandes, sondern auch wegen der Größe insgesamt. Das ist ja schon ein regelrechter Campus, auf den man hier kommt.
Ri: Die Nachteile dessen zugestanden! Aber unsere Größe ermöglicht uns, wiederum auch eine Angebotsvielfalt, um die uns andere Gymnasien beneiden. Und wenn man
- um das Wort vom "Teilungsgespenst" von vorhin noch einmal aufzugreifen - in Zukunft etwa das Ulricianum tatsächlich teilen würde und dann zwei Auricher Gymnasien nebeneinander
hätte, dann würde das mit einer konstruktiven Zusammenarbeit eventuell schwer. Noch ist unser großer Standortvorteil, dass wir zur Zeit mit den erwähnten anderen Schulen sehr gut kooperieren. Aber das geschieht, weil wir uns keine einfache Konkurrenz liefern, sondern weil wir uns
- auch mit der IGS! - wechselseitig ergänzen. Man kann jedoch an anderen ostfriesischen Städten sehen, dass zwei Gymnasien am Ort im "Verteilungskampf" um die gleiche Art von Schülerschaft schon Konkurrenten sind, und da bleibt der Wettkampf nicht immer ganz fair.
VEU: Herr Risius, Herr Westermayer, eine Bestandsaufnahme wie die mit diesem Gespräch beabsichtigte muss nicht unbedingt zu einem abgerundeten Schluss führen. Weiterführende Fragen sind sicher noch möglich, und in einem "Gespräch" bleiben wir ja sowieso. Jedenfalls haben Sie uns bis zu diesem Punkt mit Ihren freimütigen Anworten ein differenziertes und ausführliches Bild Ihres Gymnasiums Ulricianum gezeichnet, das auch "unsere" Schule war und gewissermaßen nach wie vor ist.
Wir brechen daher die Unterhaltung pragmatisch an dieser Stelle mit den klassischen Worten aus jedem
SPIEGEL-Interview ab: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Dies ist der längste und informationsreichste Artikel, der je im "Ulricianer" erschien. Trotzdem ist noch
mehr Information ganz aktuell zu haben: im Internet. www.ulricianum-aurich.de