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Sehr
geehrte Festversammlung,
liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten,
zunächst möchte ich mich bei der Schulleitung des Ulricianums
bedanken, daß sie uns - die Abiturienten des Jahres 1952 - zu
dieser Veranstaltung eingeladen hat. Es haben viele, die heute nicht
hier sein können, diesen Schritt begrüßt; der zu einer
Vertiefung des Verhältnisses zwischen den ehemaligen SchüIern
und ihrer alten "Penne" - vor allem aber zu dem jetzigen
modernen Ulricianum - beitragen kann. Vielleicht kann ich heute hier
oder später dazu beitragen, dem einen oder anderen von Ihnen,
liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ein wenig auf Ihrem Weg in
die Zukunft zu helfen.
Heute möchte ich Ihnen eine chinesische Geschichte erzählen.
Die Anwesenden im Auditorium, die sich an die Worte erinnern oder
sie kennen, die ich vor 50 Jahren zu unserem Abschied vom Ulricianum
gesprochen habe, will ich sofort beruhigen:
Es ist keine Geschichte von Mao Tse Tung und ich rufe auch nicht zu
Revolution und Gewalt auf. Es ist eine Geschichte aus dem alten China.
Ein alter chinesischer Bauer verlor eines Tages eines seiner Pferde.
Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu
bezeugen. Der Alte aber fragte: Woher wollt ihr wissen, daß
es ein Unglück ist?
Einige Tage später kam das Pferd zurück und brachte ein
Rudel Wildpferde mit. Wieder kamen die Nachbarn. Sie beglückwünschten
ihn zu diesem Glücksfall. Der Alte aber sagte: Woher wollt ihr
wissen, daß es ein Glücksfall ist?
Die vielen schönen Pferde veranlaßten den Sohn des Bauern,
reiten zu lernen - doch eines Tages warf ihn ein Wildpferd ab und
er brach sich ein Bein. Wieder kamen die Nachbarn, um ihr Beileid
zu dem Unglück auszusprechen. Der Alte aber fragte: Woher wollt
ihr wissen, daß es ein Unglück ist?
Nach einige Tagen erschien im Dorf die Musterungskommission, um kräftige
Männer für den Stiefeldienst des Kaisers zu rekrutieren.
Den Sohn des Bauern nahmen sie wegen seines gebrochenen Beines nicht
mit.
Und der alte Bauer lächelte.
Im Lichte dieser kleinen Fabel bin ich mir nicht sicher, ob ich Ihnen
zur Beendigung Ihrer Schulzeit einen Glückwunsch oder mein Bedauern
aussprechen soll. Das mag jeder nach dem Grad seiner erreichten Weisheit
für sich selber entscheiden,
Zwei Dinge aber möchte ich Ihnen nahebringen:
1. Sobald Ihnen bewußt wird, wie schöh ihre Schulzeit allgemein
und am Ulricianum im besonderen war, sagen Sie es Ihren nachkommenden
Leidensgenossen weiter, damit sie diese Jahre nicht als frustrierend,
sondern soweit wie möglich als positiv erleben. Der erste Aufbruch
in das Leben eines Heranwachsenden kann eine unvorstellbar schöne
Zeit sein.
2. Die vor Ihnen liegenden Jahre, insbesondere wenn Sie studieren
wollen, können in ihrer Freiheit, Offenheit und ihren Erlebnissen
innerhalb und außerhalb der Uni noch viel schöner sein
als die Schulzeit. Sie wird die letzte und erfüllteste Zeit Ihres
Lebens sein, die nicht von der Verantwortung für andere Ihnen
besonders nahestehende Menschen mitbestimmt wird. Genießen Sie
diese Zeit - auch wenn Sie plötzlich 10, 12 oder 14 Stunden am
Tag zu arbeiten haben. Sie werden es in der Regel freiwillig tun und
den Erfolg spüren. In Klammern: Denken Sie an die großen
Gefahren, die die neue Freiheit mit sich bringt!
Als wir vor 50 Jahren die Schule verlassen haben, waren wir eher frustriert;
wir hatten unseren Lehrern mehr und andere Fragen gestellt, als man
uns beantworten konnte oder wollte. Ich habe dies 1952 an dieser Stelle
mit dem damals eher erschreckend wirkenden Satz zusammengefaßt:
Gelobt sei, was hart macht.
Hätten unsere Lehrer uns die Geschichte von dem chinesischen
Bauern erzahlt, hätte ich diese wohl an das Ende unserer Schulzeit
gesetzt. Ich denke, sie paßt auch heute für Sie. Ich wünsche
Ihnen im Sinne dieses Bauern ein Leben, das reich ist an besonderen
Ereignissen, aus denen Sie das Beste machen können.
Giückauf!
Ihr
Klausbodo Hartung
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