Der Ulricianer 2002 - Seite 11

Goldene Rede

Sehr geehrte Festversammlung,
liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten,
zunächst möchte ich mich bei der Schulleitung des Ulricianums bedanken, daß sie uns - die Abiturienten des Jahres 1952 - zu dieser Veranstaltung eingeladen hat. Es haben viele, die heute nicht hier sein können, diesen Schritt begrüßt; der zu einer Vertiefung des Verhältnisses zwischen den ehemaligen SchüIern und ihrer alten "Penne" - vor allem aber zu dem jetzigen modernen Ulricianum - beitragen kann. Vielleicht kann ich heute hier oder später dazu beitragen, dem einen oder anderen von Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ein wenig auf Ihrem Weg in die Zukunft zu helfen.
Heute möchte ich Ihnen eine chinesische Geschichte erzählen. Die Anwesenden im Auditorium, die sich an die Worte erinnern oder sie kennen, die ich vor 50 Jahren zu unserem Abschied vom Ulricianum gesprochen habe, will ich sofort beruhigen:
Es ist keine Geschichte von Mao Tse Tung und ich rufe auch nicht zu Revolution und Gewalt auf. Es ist eine Geschichte aus dem alten China.
Ein alter chinesischer Bauer verlor eines Tages eines seiner Pferde. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeugen. Der Alte aber fragte: Woher wollt ihr wissen, daß es ein Unglück ist?
Einige Tage später kam das Pferd zurück und brachte ein Rudel Wildpferde mit. Wieder kamen die Nachbarn. Sie beglückwünschten ihn zu diesem Glücksfall. Der Alte aber sagte: Woher wollt ihr wissen, daß es ein Glücksfall ist?
Die vielen schönen Pferde veranlaßten den Sohn des Bauern, reiten zu lernen - doch eines Tages warf ihn ein Wildpferd ab und er brach sich ein Bein. Wieder kamen die Nachbarn, um ihr Beileid zu dem Unglück auszusprechen. Der Alte aber fragte: Woher wollt ihr wissen, daß es ein Unglück ist?
Nach einige Tagen erschien im Dorf die Musterungskommission, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers zu rekrutieren. Den Sohn des Bauern nahmen sie wegen seines gebrochenen Beines nicht mit.
Und der alte Bauer lächelte.
Im Lichte dieser kleinen Fabel bin ich mir nicht sicher, ob ich Ihnen zur Beendigung Ihrer Schulzeit einen Glückwunsch oder mein Bedauern aussprechen soll. Das mag jeder nach dem Grad seiner erreichten Weisheit für sich selber entscheiden,
Zwei Dinge aber möchte ich Ihnen nahebringen:
1. Sobald Ihnen bewußt wird, wie schöh ihre Schulzeit allgemein und am Ulricianum im besonderen war, sagen Sie es Ihren nachkommenden Leidensgenossen weiter, damit sie diese Jahre nicht als frustrierend, sondern soweit wie möglich als positiv erleben. Der erste Aufbruch in das Leben eines Heranwachsenden kann eine unvorstellbar schöne Zeit sein.
2. Die vor Ihnen liegenden Jahre, insbesondere wenn Sie studieren wollen, können in ihrer Freiheit, Offenheit und ihren Erlebnissen innerhalb und außerhalb der Uni noch viel schöner sein als die Schulzeit. Sie wird die letzte und erfüllteste Zeit Ihres Lebens sein, die nicht von der Verantwortung für andere Ihnen besonders nahestehende Menschen mitbestimmt wird. Genießen Sie diese Zeit - auch wenn Sie plötzlich 10, 12 oder 14 Stunden am Tag zu arbeiten haben. Sie werden es in der Regel freiwillig tun und den Erfolg spüren. In Klammern: Denken Sie an die großen Gefahren, die die neue Freiheit mit sich bringt!
Als wir vor 50 Jahren die Schule verlassen haben, waren wir eher frustriert; wir hatten unseren Lehrern mehr und andere Fragen gestellt, als man uns beantworten konnte oder wollte. Ich habe dies 1952 an dieser Stelle mit dem damals eher erschreckend wirkenden Satz zusammengefaßt: Gelobt sei, was hart macht.
Hätten unsere Lehrer uns die Geschichte von dem chinesischen Bauern erzahlt, hätte ich diese wohl an das Ende unserer Schulzeit gesetzt. Ich denke, sie paßt auch heute für Sie. Ich wünsche Ihnen im Sinne dieses Bauern ein Leben, das reich ist an besonderen Ereignissen, aus denen Sie das Beste machen können.
Giückauf!

Ihr Klausbodo Hartung

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