Historisches: Das Kreisbahngebäude



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"Das Bahnhofsgebäude"
aus: Festschrift "350 Jahre Ulricianum" (1996)


Auch wenn jetzt wieder eine echte Bahnhofsuhr am früheren Haupteingang des Bahnhofsgebäudes hängt: Züge fahren hier nicht mehr ab, Unterrichtsstunden werden nicht mehr durch die fauchend-stampfende Einfahrt einer 50er gestört, und gelangweilte Pennäler können ihre Sehnsüchte nicht mehr abfahrenden Personenzügen an die Puffer hängen. Der Zug ist wahrlich abgefahren! Wo einst die Wartesäle 2. und 3. Klasse waren, findet heute Musikunterricht statt. Auch das Telegraphen- sowie das Billetbureau sind nicht mehr wiederzuerkennen, denn in diesen Räumen klickt allenfalls noch ein Metronom aber nicht mehr der Telegraph. Schließlich sind inzwischen 113 Jahre vergangen - und mit ihnen leider auch der Bahnhof als lebendiger Nachbar des Ulricianums seit 1908.

Der Auricher Staatsbahnhof um 1910

Staatsbahnhof mit Bahnhof der Kleinbahn (ca.?)

Während Emden bereits 1856 durch die Preußischen Staatsbahnen an das Schienennetz angeschlossen wurde, beendete Aurich seinen verkehrsmäßigen Dornröschenschlaf erst 1883. Von Feierlichkeiten zur Eröffnung des schon damals recht ansehnlichen Gebäudes ist nichts überliefert, aber am 6. Juni 1883 hieß es in den Ostfriesischen Nachrichten, daß sowohl der Anstrich im Innern als auch das Mobiliar "einen angenehmen Eindruck" erweckten. Die feierliche Eröffnung der Küstenbahn Emden - Wittmund, zu der die Strecke Aurich-Georgsheil bahntechnisch als Zweigbahn gehörte, fand am 14. Juni 1883 in Norden statt. Aus Aurich nahmen daran 20 Ehrengäste mit Rang und Namen teil, die von einem Sonderzug abgeholt wurden. Die Fahrzeit Aurich-Georgsheil-Norden betrug stattliche 1 Stunde und 30 Minuten bei einer Geschwindigkeit von sagenhaften 15 Stundenkilometern, die allerdings im gleichen Jahr noch auf 20 km/h erhöht wurde!
Die mit dem Bahnanschluß verknüpfte Hoffnung auf touristische Belebung bewahrheitete sich bereits in den Wochen nach der Eröffnung: aus den benachbarten Städten strömten Gruppen von Schülerinnen und Schülern nach Aurich, um sich in den umliegenden Wäldern zu ergötzen und zu ergehen!

Ca. 1970 dampfte es am Bahnhof neben dem Ulricianum noch 

Generationen von Schülerinnen und Schülern müssen täglich auf dem Auricher Bahnhof eingetroffen und seine Bahnsteige, Wartesäle oder auch das Buffet bevölkert haben. Für viele, zumal seit 1908, war der Bahnhof schließlich nur wenige Schritte von der Schule entfernt. Welche Vorteile diese Form der Beförderung für Schüler mit sich brachte, beschrieb Friedemann Rast, einst Schüler, nun Lehrer am Ulricianum, im Ostfriesland Magazin:
"Die Waggons von einst waren schön geräumig und strebten ihrem Ziel derart gemächlich und erschütterungsarm zu, daß sogar ihre frühmorgens angefertigten 'Leasing-Schularbeiten' noch mit ganz annehmbarem Schriftbild in die Hefte kamen. Und die Holzbänke so eines sonst herzlich unkomfortablen Eisenbahnwagens im Dampflok-Zeitalter hatten immerhin das Gute, daß man darauf viel besser schreiben konnte als auf den genarbten, braunen Kunstleder-Polstern der späteren Waggon-Generation."

1986: Bahnhof mit Köf. Ein wenig Betrieb herrschte noch vor dem Entfernen der Gleise. Eine Köf III verschiebt brummend einige Güterwagen

Der Personenverkehr nach Aurich wurde im September 1967 eingestellt. Gelangweilte Schülerblicke aus den Fenstern zur Bahnhofsseite wurden nur selten durch Rangiervorgänge mit wenigen Güterwagen belohnt. Auch die Loks wurden zunehmend uninteressanter: Die dampfspeiende Baureihe 50 wurde von Dieselloks abgelöst, die auch immer kleiner wurden, zumal kaum noch Zuglasten gen Aurich zu befördern waren. Irgendwann trödelte dann nur noch die Köf gemächlich nach Aurich. 

1988: Zwei Sonderzüge mit insgesamt 18 Wagen warten im Auricher Bahnhof auf die 1.200 Ulricianer: Legendärer Schulausflug in den Teutoburger Wald

Rechtsupweg. Die Autofahrer auf der B 72 nahmen mit Hupen und Lichtzeichen regen Anteil an dem außergewöhnlichen Ereignis

So richtiges pralles Bahnleben gab's nur noch einmal: Am 16. September 1988, als die gesammelte Schüler- und Lehrerschaft des Ulricianums in zwei Sonderzügen dem Teutoburger Wald zustrebte .

Um 1990: Fotos von www.westbahn.de, wo auch weitere Infos über die Bahngeschichte zu finden sind |mehr|



Der immer spärlicher werdende Güterverkehr wurde 1991 eingestellt, nachdem die Bundesbahn bereits 1988 das Stillegungsverfahren für die Strecke Aurich-Abelitz angekündigt hatte. Die Stillegung wurde im Dezember 1993 verwirklicht, auch wenn der Anschluß zum Bundeswehrgelände in Dietrichsfeld noch bis Mai 1996 erhalten blieb. Gebäude und Gelände verödeten, das einst schmucke Bahnhofsgebäude verkam zunehmend mehr.

1992: Nach dem Brand und der Verödung steht der Bahnhof nur noch als Skelett herum. Zwischenzeitlich war der leere Güterschuppen ein Skaterparadies

Eine Brandstiftung im Juli 1992 hätte fast den Todesstoß bedeutet, wenn das Bahnhofsgebäude nicht unter Denkmalsschutz gestanden hätte. Zu diesem Zeitpunkt waren wohl auch schon die Planungen begraben worden, aus dem Auricher Bahnhof ein "Naturwissenschaftliches Unterrichts- und Studienzentrum" zu machen. Darüber hieß es in der Lokalzeitung vom 4. 7. 91: "Dieses Zentrum soll erstens dem Ulricianum ermöglichen, den naturwissenschaftichen Unterricht entscheidend zu verändern; zweitens soll das NWZ ein Forum werden, in dem die Bürger über wissenschaftliche und technische Neuheiten diskutieren, und in dem die Fachhochschule Ostfriesland (FHO) und die bedeutenden Unternehmen der Region ihre Forschungen und Entwicklungen vorstellen können" (ON).
Die geplante Investition von fünf Millionen Mark für Umbau und technische Ausstattung wurde nicht realisiert, aber das Ulricianum hatte deutlich sein Interesse an der Übernahme und sinnvollen unterrichtlichen Nutzung des Gebäudes angemeldet!
Finanzielle Engpässe in der ursprünglich geplanten Finanzierung und schulinterne Überlegungen führten dazu, einen neuen naturwissenschaftlichen Trakt an den bereits bestehenden anzubauen und das Bahnhofsgebäude schwerpunktmäßig für den Musikunterricht zu nutzen. Dank eines Leasing-Finanzmodelles standen 1993 Finanzmittel zur Realisierung des naturwissenschaftlichen Anbaus, des Bahnhofsumbaus und der Neugestaltung des Schulgeländes von zusammen 9 Millionen DM zur Verfügung. Auf der Basis der Planungen des Architekten Ulpts, die im November 1993 vorlagen, begannen die schulinternen Überlegungen für den Bahnhofsumbau durch einen Ausschuß im Januar 1994. Bereits am 15. 8. 1994 stand der Bauzaun, ein Jahr später, im August 1995, wurde das Bahnhofsgebäude dem Ulricianum übergeben.

1995: Der neue Bahnhof als Schulgebäude

Im unteren Bereich finden sich nun drei große Musikräume, darüber liegen drei schalldichte Übezellen. Auch der Güterschuppen, der schon in der NWZ-Planung als Veranstaltungsraum vorgesehen war, steht dem Musikunterricht bzw. Orchester- und Choraktivitäten, zur Verfügung, aber auch anderen öffentlichen Veranstaltungen.
Im oberen Bereich befinden sich neben drei allgemeinen Unterrichtsräumen für den Oberstufenunterricht auch noch diverse kleine Gruppenarbeitsräume. In einem dieser Räume hat sich übrigens das Layout-Team dieser Festschrift in professioneller Arbeitsatmosphäre eingerichtet.

Speisewagen des Alpen-See-Express als Cafeteria vor dem Güterschuppen

Vor dem Güterschuppen an der ehemaligen Laderampe steht ein Speisewagen des auch schon historischen Alpen-See-Express und wartet noch auf sein endgültiges Schicksal. Angeschafft im Sommer 1994 für 60.000 DM sollte er eigentlich zu einer Cafeteria für den Schulbetrieb und für Abendveranstaltungen umgebaut werden. Aber schon der Transport nach Aurich verhieß wenig Gutes, denn wenige Wochen vorher waren ca. 400 Meter Schienen auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände abgebaut worden, um einen Parkplatz einrichten zu können, so daß der Transport gänzlich unromantisch auf der Straße per Tieflader abgewickelt wurde. Ob denn trotz massiver Finanzierungsprobleme des Umbaus eine zum Bahnhofsgebäude passende Cafeteria daraus geworden ist, werden die Besucherinnen und Besucher der Feierlichkeiten anläßlich des Jubiläums überprüfen können.
Mit dem Bahnhofsgebäude hat das Ulricianum dringend benötigte Musik- und Unterrichtsräume mit einer ganz besonderen Atmosphäre erhalten, aber auch eine räumliche Begrenzung, durch die sich ein ödes Schulgelände zu einem echten Campus gewandelt hat.

Reinhard Donath

Quelle: Festschrift "350 Jahre Ulricianum" (1996)

 

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