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Der Auricher Staatsbahnhof um 1910

Staatsbahnhof mit Bahnhof der Kleinbahn
(ca.?)
Während Emden bereits 1856 durch die Preußischen
Staatsbahnen an das Schienennetz angeschlossen wurde, beendete
Aurich seinen verkehrsmäßigen Dornröschenschlaf erst 1883. Von
Feierlichkeiten zur Eröffnung des schon damals recht ansehnlichen
Gebäudes ist nichts überliefert, aber am 6. Juni 1883 hieß es
in den Ostfriesischen Nachrichten, daß sowohl der Anstrich im
Innern als auch das Mobiliar "einen angenehmen Eindruck"
erweckten. Die feierliche Eröffnung der Küstenbahn Emden -
Wittmund, zu der die Strecke Aurich-Georgsheil bahntechnisch als
Zweigbahn gehörte, fand am 14. Juni 1883 in Norden statt. Aus
Aurich nahmen daran 20 Ehrengäste mit Rang und Namen teil, die
von einem Sonderzug abgeholt wurden. Die Fahrzeit
Aurich-Georgsheil-Norden betrug stattliche 1 Stunde und 30 Minuten
bei einer Geschwindigkeit von sagenhaften 15 Stundenkilometern,
die allerdings im gleichen Jahr noch auf 20 km/h erhöht wurde!
Die mit dem Bahnanschluß verknüpfte Hoffnung auf touristische
Belebung bewahrheitete sich bereits in den Wochen nach der
Eröffnung: aus den benachbarten Städten strömten Gruppen von
Schülerinnen und Schülern nach Aurich, um sich in den
umliegenden Wäldern zu ergötzen und zu ergehen!
Ca. 1970 dampfte es am Bahnhof neben dem
Ulricianum noch
Generationen von Schülerinnen und Schülern müssen täglich
auf dem Auricher Bahnhof eingetroffen und seine Bahnsteige,
Wartesäle oder auch das Buffet bevölkert haben. Für viele,
zumal seit 1908, war der Bahnhof schließlich nur wenige Schritte
von der Schule entfernt. Welche Vorteile diese Form der
Beförderung für Schüler mit sich brachte, beschrieb Friedemann
Rast, einst Schüler, nun Lehrer am Ulricianum, im Ostfriesland
Magazin:
"Die Waggons von einst waren schön geräumig und strebten
ihrem Ziel derart gemächlich und erschütterungsarm zu, daß
sogar ihre frühmorgens angefertigten 'Leasing-Schularbeiten' noch
mit ganz annehmbarem Schriftbild in die Hefte kamen. Und die
Holzbänke so eines sonst herzlich unkomfortablen Eisenbahnwagens
im Dampflok-Zeitalter hatten immerhin das Gute, daß man darauf
viel besser schreiben konnte als auf den genarbten, braunen
Kunstleder-Polstern der späteren Waggon-Generation."

1986: Bahnhof mit Köf. Ein wenig Betrieb
herrschte noch vor dem Entfernen der Gleise. Eine Köf III
verschiebt brummend einige Güterwagen
Der Personenverkehr nach Aurich wurde im September 1967
eingestellt. Gelangweilte Schülerblicke aus den Fenstern zur
Bahnhofsseite wurden nur selten durch Rangiervorgänge mit wenigen
Güterwagen belohnt. Auch die Loks wurden zunehmend
uninteressanter: Die dampfspeiende Baureihe 50 wurde von
Dieselloks abgelöst, die auch immer kleiner wurden, zumal kaum
noch Zuglasten gen Aurich zu befördern waren. Irgendwann
trödelte dann nur noch die Köf gemächlich nach Aurich.

1988: Zwei Sonderzüge mit insgesamt 18
Wagen warten im Auricher Bahnhof auf die 1.200 Ulricianer:
Legendärer Schulausflug in den Teutoburger Wald


Rechtsupweg. Die Autofahrer auf der B 72
nahmen mit Hupen und Lichtzeichen regen Anteil an dem
außergewöhnlichen Ereignis
So richtiges pralles Bahnleben gab's nur noch einmal: Am 16.
September 1988, als die gesammelte Schüler- und Lehrerschaft des
Ulricianums in zwei Sonderzügen dem Teutoburger Wald zustrebte .


Um 1990: Fotos von www.westbahn.de,
wo auch weitere Infos über die Bahngeschichte zu finden sind
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Der immer spärlicher werdende Güterverkehr wurde 1991
eingestellt, nachdem die Bundesbahn bereits 1988 das
Stillegungsverfahren für die Strecke Aurich-Abelitz angekündigt
hatte. Die Stillegung wurde im Dezember 1993 verwirklicht, auch
wenn der Anschluß zum Bundeswehrgelände in Dietrichsfeld noch
bis Mai 1996 erhalten blieb. Gebäude und Gelände verödeten, das
einst schmucke Bahnhofsgebäude verkam zunehmend mehr.

1992: Nach dem Brand und der Verödung
steht der Bahnhof nur noch als Skelett herum. Zwischenzeitlich war
der leere Güterschuppen ein Skaterparadies
Eine Brandstiftung im Juli 1992 hätte fast den Todesstoß
bedeutet, wenn das Bahnhofsgebäude nicht unter Denkmalsschutz
gestanden hätte. Zu diesem Zeitpunkt waren wohl auch schon die
Planungen begraben worden, aus dem Auricher Bahnhof ein
"Naturwissenschaftliches Unterrichts- und
Studienzentrum" zu machen. Darüber hieß es in der
Lokalzeitung vom 4. 7. 91: "Dieses Zentrum soll erstens dem
Ulricianum ermöglichen, den naturwissenschaftichen Unterricht
entscheidend zu verändern; zweitens soll das NWZ ein Forum
werden, in dem die Bürger über wissenschaftliche und technische
Neuheiten diskutieren, und in dem die Fachhochschule Ostfriesland
(FHO) und die bedeutenden Unternehmen der Region ihre Forschungen
und Entwicklungen vorstellen können" (ON).
Die geplante Investition von fünf Millionen Mark für Umbau und
technische Ausstattung wurde nicht realisiert, aber das Ulricianum
hatte deutlich sein Interesse an der Übernahme und sinnvollen
unterrichtlichen Nutzung des Gebäudes angemeldet!
Finanzielle Engpässe in der ursprünglich geplanten Finanzierung
und schulinterne Überlegungen führten dazu, einen neuen
naturwissenschaftlichen Trakt an den bereits bestehenden anzubauen
und das Bahnhofsgebäude schwerpunktmäßig für den
Musikunterricht zu nutzen. Dank eines Leasing-Finanzmodelles
standen 1993 Finanzmittel zur Realisierung des
naturwissenschaftlichen Anbaus, des Bahnhofsumbaus und der
Neugestaltung des Schulgeländes von zusammen 9 Millionen DM zur
Verfügung. Auf der Basis der Planungen des Architekten Ulpts, die
im November 1993 vorlagen, begannen die schulinternen
Überlegungen für den Bahnhofsumbau durch einen Ausschuß im
Januar 1994. Bereits am 15. 8. 1994 stand der Bauzaun, ein Jahr
später, im August 1995, wurde das Bahnhofsgebäude dem Ulricianum
übergeben.

1995: Der neue Bahnhof als Schulgebäude

Im unteren Bereich finden sich nun drei große Musikräume,
darüber liegen drei schalldichte Übezellen. Auch der
Güterschuppen, der schon in der NWZ-Planung als
Veranstaltungsraum vorgesehen war, steht dem Musikunterricht bzw.
Orchester- und Choraktivitäten, zur Verfügung, aber auch anderen
öffentlichen Veranstaltungen.
Im oberen Bereich befinden sich neben drei allgemeinen
Unterrichtsräumen für den Oberstufenunterricht auch noch diverse
kleine Gruppenarbeitsräume. In einem dieser Räume hat sich
übrigens das Layout-Team dieser Festschrift in professioneller
Arbeitsatmosphäre eingerichtet.

Speisewagen des Alpen-See-Express als
Cafeteria vor dem Güterschuppen
Vor dem Güterschuppen an der ehemaligen Laderampe steht ein
Speisewagen des auch schon historischen Alpen-See-Express und
wartet noch auf sein endgültiges Schicksal. Angeschafft im Sommer
1994 für 60.000 DM sollte er eigentlich zu einer Cafeteria für
den Schulbetrieb und für Abendveranstaltungen umgebaut werden.
Aber schon der Transport nach Aurich verhieß wenig Gutes, denn
wenige Wochen vorher waren ca. 400 Meter Schienen auf dem
ehemaligen Güterbahnhofsgelände abgebaut worden, um einen
Parkplatz einrichten zu können, so daß der Transport gänzlich
unromantisch auf der Straße per Tieflader abgewickelt wurde. Ob
denn trotz massiver Finanzierungsprobleme des Umbaus eine zum
Bahnhofsgebäude passende Cafeteria daraus geworden ist, werden
die Besucherinnen und Besucher der Feierlichkeiten anläßlich des
Jubiläums überprüfen können.
Mit dem Bahnhofsgebäude hat das Ulricianum dringend benötigte
Musik- und Unterrichtsräume mit einer ganz besonderen Atmosphäre
erhalten, aber auch eine räumliche Begrenzung, durch die sich ein
ödes Schulgelände zu einem echten Campus gewandelt hat.
Reinhard Donath
Quelle: Festschrift "350 Jahre Ulricianum"
(1996)
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