Wohin entwickelt sich das Ulricianum?

Diese  Bestandsaufnahme erschien in "Der Ulricianer" (November 2003), dem Nachrichtenblatt des VEU. Wir geben sie hier in verändertem Layout wieder.
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Absehbar ist also ein Wachstumssprung des Ulricianums von derzeit 1250 auf 1700 oder mehr Schüler im Sommer des kommenden Jahres


 
 

 

 

Das Ulricianum im Jahr 2009 von Tade-Wilhelm Risius

Eine Lernfabrik für 2000 Schüler aus dem Kreis oder ein Stadtgymnasium? Die Auswirkungen der niedersächsischen Schulreform auf das Ulricianum in Aurich – eine Bestandsaufnahme des Schulleiters. 

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Kaum etwas erfüllt die Gemüter der Auricher Stadt- und Kreisbevölkerung – sofern sie Kinder im schulpflichtigen Alter hat - zur Zeit so sehr wie die Frage nach der Zukunft unserer Schulen.

Die Schulformen und Schulreformen

Die noch von der SPD-Regierung im Jahre 2002 begonnene und von der CDU/FDP-Koalition seit Beginn dieses Jahres „mit veränderten Vorzeichen“ fortgeführte Reform des Schulwesens in Niedersachsen führt im Landkreis Aurich zu anscheinend unlösbaren Verwicklungen: Die Entwicklung der sechs Gesamtschulen, die der Kreis im Angebot führt, hat sich – bei äußerlicher oder oberflächlicher Betrachtung – zu einer ungetrübten Erfolgsstory entfaltet. Sie scheinen aus allen Nähten zu platzen.

 Statt der gut 3000 Schüler im Jahr 1995 besuchen sieben Jahre später fast 5500 Schülerinnen und Schüler im Kreis eine Gesamtschule (Quelle: OZ vom 13. 10. 03).

Der Erfolg wird dadurch erklärt, dass „Gesamtschulen Schüler individuell fördern“, sowie durch „die Möglichkeit, an der Schule alle Bildungsabschlüsse erreichen zu können“ (Ulrich Mittelstädt, SPD-Bildungsexperte im Bezirk Weser-Ems und Leiter der IGS Aurich West). 

Die Realschulen im Kreis behaupten sich mit etwa gleichbleibender Schülerzahl, obgleich drei von diesen aufgelöst wurden; die Hauptschulen mussten 15 % Verlust hinnehmen, vier Hauptschulen wurden geschlossen. 

IGS Aurich-West
IGS Aurich-West
IGS Aurich-Egels
IGS Aurich-Egels
HTS Ihlow
KGS Ihlow
KGS Grossefehn
KGS Großefehn

Ulrichsgymnasium Norden


Die Realschulen im Kreis behaupten sich mit etwa gleichbleibender Schülerzahl, obgleich drei von diesen aufgelöst wurden; die Hauptschulen mussten 15% Verlust hinnehmen, vier Hauptschulen wurden geschlossen.
Realschule Aurich

Realschule Aurich

Orientierungsstufe Aurich-Mitte
Eine Elternbefragung des Landkreises ließ nunmehr erkennen, dass in der Stadt Aurich nur neun Prozent der Eltern ihre Kinder auf die einzig noch verbliebene Hauptschule in Sandhorst schicken wollen, die damit nur einzügig geführt werden könnte. 
Schulzentrum Sandhorst

Schulzentrum Sandhorst

Die Schülerzahlen der beiden Gymnasien im Kreis (in Aurich und Norden) sind gegenüber 1995 leicht gestiegen; das Ulricianum bewegt sich etwas oberhalb der vom Kultusministerium vorausberechneten Zunahme der Schülerzahlen. Diesen demographischen Zuwachs und die Abnahme im Hauptschulbereich haben im Kreis Aurich also weitgehend die Gesamtschulen kompensiert.

Während das Reformprojekt der SPD des Jahres 2002 noch die Auflösung der Orientierungsstufen in Richtung eines (gesamtschulartigen) nicht differenzierenden Unterrichtssystems sowie die Einrichtung einer „Gesamtschule ohne Gymnasialzweig“ (Gallas), d.h. einer kooperativen Haupt- und Realschule vorsah, beschloss die schwarz-gelbe Koalition den Beginn eines dreigegliederten Schulsystems bereits nach dem 4. Schuljahr für alle Schüler, die keine Gesamtschulen besuchen.

Das neuerliche Reformvorhaben im Niedersächsischen Landtag hat im Jahr 2003 besonders in Aurich zu einer verstärkten Anwahl von Gesamtschulen geführt – aus Überzeugung oder aus Ungewissheit über das Resultat der Reform im gegliederten Schulwesen.

Eine Elternbefragung des Landkreises ließ nunmehr erkennen, dass in der Stadt Aurich nur neun Prozent der Eltern ihre Kinder auf die einzig noch verbliebene Hauptschule in Sandhorst schicken wollen, die damit nur einzügig geführt werden könnte. 

Elternbefragung des Landkreises: Download der Ergebnisse als pdf-Datei

Der Bewertung ihres Leiters „Die vorherige [SPD-]Landesregierung hat das dreigegliederte Schulsystem immer als Stiefkind betrachtet“ kann man nur zustimmen; der zweite Reformschritt der CDU/FDP-Koalition sowie die langjährige Forcierung des Gesamtschulangebots durch die Kreistagsmehrheit im Kreis Aurich hat ein Übriges bewirkt: Raumangebot, Ausstattung und Infrastruktur an den Gesamtschulen sind vorbildlich. 

Die Auflösung der Orientierungsstufen

Haupt- und Realschule in Aurich und die Schulzentren in der Region haben mit der Abschaffung der Orientierungsstufen im kommenden Jahr keinerlei räumliche und strukturelle Probleme: Sie gewinnen Platz für ihre eigenen Schüler und können ihr eigenes Angebot z.B. durch die vermehrte Einrichtung von Fach- und Gruppenräumen verbessern und erweitern. 

Schwierig wird die Situation jedoch an den beiden Gymnasien im Kreis; beide weiterführende Schulen müssen zwei zusätzliche Schülerjahrgänge (die Klassen 5 und 6) aufnehmen, für welche bisher keine Einrichtungen vorhanden sind. 

In Norden scheint das entstehende Problem lösbar, indem Teile der Schule auf die benachbarte ehemalige Realschule in der Gräfin-Theda-Straße und das alte Landratsamt (direkt neben der Schule) ausweichen. 

Ganz anders in Aurich: Dort sind am derzeitigen Standort des Ulricianums weder Unterrichtsräume noch Fachräume, auch nicht geeignete Frei, Spiel- und (wettergeschützte) Aufenthaltsflächen für ca. 400 bis 450 weitere Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren vorhanden, die unsere Schule erklärtermaßen (Elternumfrage) ab dem 1. August 2004 besuchen wollen. Weiteres Gelände für eine räumliche Ausdehnung der Schule steht zwischen Großparkplatz und Von-Jhering-Straße nicht zur Verfügung; der Parkplatz gilt in Aurich als unangreifbar. 

Parkplatz am Ulricianum: Der rechte Teil ist  Landkreiseigentum

Der Parkplatz gilt in Aurich als unangreifbar.

 
5. März 2003: Schulentwicklung und Parkplatzfrage

Am 21. Februar  führten Herr Risius und Herr Westermayer ein Gespräch mit dem ersten Kreisrat des Landkreises Aurich, Herrn Weber, und Frau Eiben (Leiterin des Schulamtes). 



18. Juni 2003: Besuch von OS-SchülerInnen           |mehr|
Absehbar ist also ein Wachstumssprung des Ulricianums von derzeit 1250 auf 1700 oder mehr Schüler im Sommer des kommenden Jahres. Zusammen mit der bis zum Jahre 2009 ebenfalls absehbaren, demographisch bedingten zehnprozentigen Zunahme der Anzahl von Kindern der Altersstufe zwischen 12 und 19 Jahren muss die Schule auf dem Höhepunkt der Entwicklung mit mindestens 1800 Schülern rechnen, wenn keine grundlegenden Veränderungen an der Auricher Schulstruktur vorgenommen werden.

 „Mindestens“ – und insofern nicht absehbar – deshalb, weil es als erklärtes Bildungsanliegen in allen Ländern und im Bund gilt, die Hochschulzugangsberechtigtenquote in Deutschland (also die Zahl der Schulabsolventen mit Abitur) auf ein „europäisches“ Maß anzuheben. Kaum kalkulierbar ist ferner, inwieweit die ländlich strukturierte Region Aurich-Ostfriesland hinter den im übrigen Land (Niedersachsen oder Deutschland) noch oder auch in Zukunft durchschnittlich erreichten Gymnasialschülerzahlen zurückliegt. Keiner fühlt sich überdies in der Lage, die „Gymnasialquote“, welche durch die Gesamtschulen erfüllt wird, genauer zu beziffern. Es ist also nicht ganz abwegig, zu der voraussehbaren Schülerzahl nochmals weitere zehn Prozent hinzuzurechnen.

Ein solches Mammutgymnasium von annähernd 2000 Schülern widerspricht nicht nur der Verordnung zur Schulentwicklungsplanung, welche die Größe von Gymnasien auf sechs Parallelklassen pro Jahrgang begrenzt, sondern auch jeder pädagogischen Verantwortung. Die zur Zeit von Landkreispolitikern favorisierte Einrichtung von Außenstellen für das Ulricianum (von Sandhorst bis Moorhusen gestreut) trägt  lediglich zu einer Verschärfung des Grundproblems einer unüberschaubar werdenden Schule bei. Wie sollen die vielen großen und kleinen Sorgen, Fragen und Anliegen von Schülern und Eltern wahrgenommen werden, wenn die Lehrkräfte sich vorwiegend mobil „auf dem Wege“ zwischen Sandhorst und Innenstadt, zwischen Münkeboe und Aurich befinden?

Wie sollen die vielen großen und kleinen Sorgen, Fragen und Anliegen von Schülern und Eltern wahrgenommen werden, wenn die Lehrkräfte sich vorwiegend mobil „auf dem Wege“ zwischen Sandhorst und Innenstadt, zwischen Münkeboe und Aurich befinden?

Schulzentrum Moorhusen |mehr Fotos |

Verkürzung der Schulzeit
auf zwölf Jahre bedeutet
nicht Verkürzung der Unterrichtszeit


Für die Kinder, die ab 2004 erstmals das Gymnasium besuchen, gilt eine Unterrichtszeit von 35 Wochenstunden (statt bisher 30 Stunden)

Das Problem des Ulricianums wird noch dadurch verkompliziert, dass die Schülerinnen und Schüler künftig die Unterrichtszeit des fortgefallenen 13. Jahrgangs während ihres Besuchs der Klassen fünf bis zehn „vorholen“ müssen; das heißt, für die Kinder, die ab 2004 erstmals das Gymnasium besuchen, gilt eine Unterrichtszeit von 35 Wochenstunden (statt bisher 30 Stunden). Soweit die Samstage als Unterrichtszeit auch weiterhin ungenutzt bleiben, müssen fünf Stunden an den bisher unterrichtsfreien Nachmittagen erteilt werden. Für ein Mittagessen und für die Überbrückung der Mittagspause stehen zur Zeit am Ulricianum aber keine Einrichtungen zur Verfügung.  Mit Blick auf die vom Land und vom Bund in Aussicht gestellten Fördermittel für Ganztagsschulen würde man es im Landkreis nicht ungern sehen, wenn die Gesamtkonferenz des Ulricianums einen Antrag auf Einrichtung eines Ganztagsbetriebs stellen würde (aus Norden liegt bereits ein solcher Beschluss vor). 

Lösungsansätze:

Damit das Ulricianum der nahen Zukunft davor bewahrt werden kann, eine bloße Lernfabrik zur Vorbereitung der Schüler auf die künftig zentralisierten Abschlussprüfungen am Ende der 10. und der 12. Jahrgangsstufe (Abitur) zu werden, sind politische, pädagogische und organisatorische Entscheidungen auf vielen Ebenen erforderlich: Schulentwicklungsplanerisch muss zunächst der Wille entstehen, im Kreis Aurich kein Gymnasium mit mehr als 6 Zügen zu führen, das heißt die maximale Schülerzahl an Gymnasien (1440 Schüler) sollte nicht längerfristig überschritten werden. Es muss im Kreis Aurich mindestens ein weiteres gymnasiales Angebot – vorzugsweise in der Fläche zwischen Aurich und Norden – dort, wo viele Schüler zu Hause sind, eingerichtet werden. Die Schülerströme sowohl zu den Gymnasien als auch zu den Gesamtschulen bedürfen einer umsichtigen und verantwortungsvollen Lenkung. | aktuelle Situation |

Es muss im Kreis Aurich mindestens ein weiteres gymnasiales Angebot – vorzugsweise in der Fläche zwischen Aurich und Norden – dort, wo viele Schüler zu Hause sind, eingerichtet werden.

Schulleben auf dem Campus

Die Gesamtschulen müssen ihrer Rolle auch wirklich gerecht werden: Da sie die Hauptschulen „austrocknen“ und gleichzeitig unter hiesigen Bedingungen der „Überflutung“ zumindest des Ulricianums  nicht entgegenwirken, stellt sich notwendigerweise die Frage nach einem Ungleichgewicht der Begabungen an den Gesamtschulen unseres Landkreises. Offenbar sind viele hiesige Eltern der eher theoretisch begabten Kinder von den Erfolgsaussichten der Gesamtschule, auch ihre Kinder „individuell zu fördern“ (vgl. oben), nicht überzeugt. Sie bevorzugen für ihre Kinder weiterhin das gegliederte Schulsystem und schicken ihre Kinder zum Gymnasium. Die konsequente Schaffung von Einzugsbereichen für Schulen aller Formen, die für einzelne Gesamtschulen und sämtliche Grundschulen bereits eingerichtet sind, ist geeignet den ungleichen Zustrom zu den Schulen zu regeln. Durch diesen „planwirtschaftlichen“ Eingriff könnte die Existenz der Schulstandorte (auch neuer) gesichert werden; der Schülertransport quer durch den Landkreis und über seine Grenzen hinaus mit seinen erheblichen Kosten könnte spürbar reduziert werden; vorhandene Räume wären an jedem Schulstandort vollständig zu nutzen.

Diese erst langfristig wirksamen Maßnahmen sind weder bei den Eltern („Freiheit der Schulwahl“) noch bei den Verantwortungsträgern im Landkreis beliebt. Jene müssten in der Einführungsphase mit dem Zorn ihrer potentiellen Wählerschaft über die ungewohnte Regulierung fertig werden. Doch wird der Unmut über die nachteiligen Lernbedingungen, die ohne eine Regulierung an einzelnen Schulen entstehen, geringer sein? Der Zorn äußert sich lediglich an anderer Stelle – den Schulen.

Der Landkreis Aurich hat seit den 90er Jahren umfangreiche Investitionen in das Ulricianum getätigt. Erster Kreisrat Harm-Uwe Weber während der Einweihungsfeier des neuen Klassentraktes: „In keine andere Schule hat der Kreis aus eigenen Mitteln so viel investiert wie in das Ulricianum“. Die Lern- und Unterrichtsbedingungen wurden optimiert; das Klima an der Schule hat sich durch den Raumgewinn und die Zusammenfassung aller pädagogischen Einrichtungen an einem zentralen Ort positiv entwickelt. 
In keine andere Schule hat der Kreis aus eigenen Mitteln so viel investiert wie in das Ulricianum

Erster Kreisrat Harm-Uwe Weber während der Einweihungsfeier des neuen Klassentraktes |Einweihung|

 


 

Dennoch wird es ab dem kommenden Schuljahr für unsere Schule zunächst bei einer Kombination von Provisorien bleiben.

 

 


28. Juli 2002: Containerklassen

Abriss Turnhalle 13. Mai 2002

Dennoch wird es ab dem kommenden Schuljahr für unsere Schule zunächst – und dann vielleicht auf weitere zehn bis fünfzehn Jahre – bei einer Kombination von Provisorien bleiben, die vielen Ulricianergenerationen zum Teil sattsam vertraut sind: Container (vgl. „Pavillon“), Teilung von Räumen (z.B. D 1, D2),  Auslagerung von Klassen, Überbelegung der vorhandenen Klassenräume, Erteilung von Fachunterricht auch in allgemeinen Unterrichtsräumen, Nichterteilung von Sportunterricht (mangels 5,5 Sporthalleneinheiten).

Nur gibt es auf der Grundlage des neuen Schulgesetzes einen gravierenden Unterschied: Die zentral gestellten Abschlussprüfungen nehmen keine Rücksicht darauf, unter welchen bedrängten Voraussetzungen Unterricht erteilt wurde oder Schüler lernen mussten.

Der Schulträger ist deshalb gefordert, in Aurich und Umgebung gleiche Bedingungen für alle herzustellen, sei es an Gesamtschulen (vgl. oben) oder an den Schulen des gegliederten Systems.

Vordringliche Aufgabe von Eltern und Schulleitung wird es sein, diese Gleichbehandlung unverzüglich und nachdrücklich vom Schulträger einzufordern.

Wir sind überzeugt davon, dass der VEU uns auch in Zukunft dabei unterstützen wird. 

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zuletzt geändert: 06.12.03 17:15:46
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