Einweihung des Kreisbahngebäudes
Mein Dank gilt all jenen,
die das Restaurierungs- und Sanierungsprojekt des Auricher
Kleinbahnhofs unterstützt haben, die für
dieses Projekt Verantwortung übernommen haben, und
vor allem jenen, die aktiv an der Gestaltung und Ausführung beteiligt
waren.
Dies sind – außer dem Denkmalspfleger - der Planungsstab im Landkreis Aurich (hier besonders Herr Ackermann, Herr Bartelt und Frau Eiben), sowie die Mitglieder der Planungsgruppe am Ulricianum.
Ein herzlicher Dank geht an die am Bau beteiligte Handwerkerschaft: Gerüstbauer, Zimmerleute, Dachdecker, Installateure, Heizungsbauer, Elektriker, Maler, Trockenbauer, Steinmetze und Pflasterer, welche dies wunderschöne Gebäude letztlich hergerichtet haben.
Besonders stolz können die
Schüler der Berufsschule und die sie betreuenden Lehrkräfte auf
die originelle, solide und insgesamt gelungene Innenausstattung der Cafeteria
sein, die von Ihnen selbst entworfen und
hergestellt wurde.
Ich danke der Berufsbildenden Schule II (Herrn Neumann) für die freundschaftliche Zusammenarbeit zum Wohle unserer eigenen und sicher auch Ihrer Schüler. Angesichts des Ergebnisses ist die handwerkliche Förderung unübersehbar.
Gestatten Sie mir einige Gedanken, mit welchen ich - zugegebenermaßen - in sehr subjektiver Weise die Bedeutung des Gebäudes definiere, das wir heute erneut einer Bestimmung übergeben wollen.
In
der Antike – wie auch bei den
Germanen – hat sich der
Gedanke behauptet, dass an einem bestimmten Ort ein ganz bestimmter Geist
herrsch, eine Art göttlicher Verkörperung des Wesens einer Gemeinschaft;
Dies schlägt sich beispielsweise nieder in der Vorstellung eines „heiligen Hains“;Im klassischen Latein spricht man von einem genius loci.
An diesen möchte ich hier einmal erinnern und dem möglichen Wesen dieses Geistes in einigen Gedanken nachspüren.
Ich bin überzeugt, dass
der Geist dieses Ortes ein lebendiger ist und er uns auch in Bezug auf die
Gegenwart einiges zu sagen hat, wenn wir bereit sind ihm zuzuhören.
Falls Ihnen das, was ich in oder von diesem Geist glaube fassen zu können, nicht zusagt oder gar unzutreffend erscheint, können Sie ja anschließend das Wort ergreifen und mich widerlegen, oder sie können mein mangelndes Verständnis des an diesem Ort herrschenden Geistes schweigsam zur Kenntnis nehmen und mit Goethe kommentieren: „Du gleichst dem Geist, den Du begreifst“. – So ganz Unrecht mögen Sie dabei nicht haben.
Ich
sagte, ich wolle den genius loci heraufbeschwören. Wenn Sie nun
messerscharf kombinieren “
Wir sind auf dem alten Bahngelände, das hat bestimmt was mit Lok
zu tun“, dann halte ich das keineswegs
für falsch, aber es wäre eine mir zu oberflächliche Betrachtungsweise.
Ich nehme mir heraus, Ihren Gedanken ein wenig zu vertiefen.
Ich versetze mich gedanklich in die Zeit vor 101 Jahren zurück, als dieser Bahnhof erstmals so frisch und stattlich und in eben demselben herausfordernden, weithin leuchtenden ockergelb errichtet worden war, in welchem wir ihn heute vor uns sehen.
Schon damals wusste man auf
sich aufmerksam zu machen; ja, man musste sich gewiss der deutlichen
Farben und hellen Töne bedienen, wollte man den Aurichern klar
machen, welche Chancen in der intensiven Nutzung der Einrichtungen an diesem
Ort lagen; mir scheint gelegentlich, heute ist es hier nicht viel anders;
vielleicht will der Geist des Ortes uns auf
diese großen Möglichkeiten hinweisen.
Aus der sinnigen Architektur dieses Bahnhofes spricht ein ordentliches Stück Selbstbewusstsein der Gesellschaft, diese imposante Architektur ist ferner auch Ausdruck des Vertrauens in die Zukunft, sie vergegenwärtigt die Gewissheit, dass an diesem Ort etwas mit Gewinn erarbeitet werden kann: Dieses Selbstbewusstsein sollte alle beseelen, die an diesem Ort ihrer Arbeit nachgehen; unsere jugendlichen Ulricianer mögen das Vertrauen in diesen Ort haben, dass hier in jedem Fall ein - nunmehr geistiger - Gewinn zu erzielen ist.
Das
Gebäude appelliert mit seiner kunstvoll ausgewogenen Gestaltung auch an das
ästhetische Empfinden des Betrachters: der Flächigkeit im unteren Bereich
steht die feinere Gliederung in dem aufgesetzt und breiter wirkenden oberen
Geschoss gegenüber, es
entsteht eine innere Spannung; das kontrastierende Gewicht der blau-grauen
Kappe des Daches wird durchbrochen durch vielfältig gestaltete Erker
und Gauben, sorgfältig getriebene Zinnen und getoppt von filigranen Spitzen
und Fähnchen. All dies ist für mich Ausdruck nicht nur fleißiger
sondern auch liebevoller und lustbetonter Arbeit; genau einen solchen Geist
wünsche ich heute und für die Zukunft allen, die hier schaffen. Damit
verknüpfe ich die Hoffnung, dass am Ende auch etwas Harmonisches oder
wenigstens etwas Schönes bei der Arbeit in diesem Geiste entsteht.
Gerade das ist ja ein Moment, das wir andernorts in unserer Schule vermissen: in unansehnlicher, zugiger Umgebung sollen wir Schülern positive Werte und schöngeistige Inhalte vermitteln. An diesem Ort ist das Schöne sichtbar und konkret – und es hat Tradition.
Noch
ein anderer Aspekt jenes guten Geistes, der hier
wirkt und insofern hier nicht nur Ausdruck eines Zeitgeistes sein
kann, lässt sich aus der Tradition dieses Ortes mit etwas Phantasie
ableiten: Wir befinden uns auf einer alten Bahnanlage, die damals den
Menschen im abgelegenen Ostfriesland den Zugang zur weiten Welt ermöglichte.
Die alten Transportwege sind zwar verschwunden, aber in der oberen Etage
befinden sich heute die Anschlüsse
zu neuen den Wegen, zur
Datenautobahn, die sich zum World
Wide Web öffnet.
An diesem Ort wird beides zu gleicher Zeit erfahrbar: Ein schöner eigener Standort und der Reiz der Weltoffenheit. – Sie sehen, ich gerate immer mehr ins Schwärmen.
Ich hätte noch weitere Beispiele um den Geist zu definieren, der jetzt wieder in diesen wunderschönen Räumen seinen Platz finden soll; der vielleicht seine Grundlage in der Tradition dieses Gemäuers findet, der heute aktuell ist und uns hoffnungsvoll stimmt.
Ich
will aber nichts in Bezug auf den Geist dieses Ortes beschönigen und Ihnen
auch dieses zur Kenntnis bringen: Einem
Artikel über einen Auricher Politiker und Lehrer des Ulricianums der 20er
Jahre entnahm ich den folgenden aufschlussreichen Hinweis: „Es gibt in
Aurich zwei Orte an denen sich die Akademiker treffen – die wirklichen
Akademiker (nicht die Bauräte), nämlich den Piqueurhof und die
Kleinbahnhofsgaststätte.“ – An dieser Stelle überlasse ich es Ihrer
Phantasie sich die Bedeutung dieser Passage für den Geist dieses Ortes
auszumalen.

Vielleicht muss man den Geist dieses Ortes doch auch als einen Warnenden begreifen: Werfen wir einen Blick auf den Abstand der Gleise voneinander, die hier vorbeiführten. Ein Zyniker könnte allen ernstes behaupten, dass an diesem Ort vor allem schmalspurig gedacht wurde; er könnte diesen Mangel schließlich sogar noch mit dem aktuellen politischen Problem der bis heute unbefriedigend gelösten Verkehrsanbindung der Region in Verbindung bringen und letztlich aufzeigen, dass die Menschen vor 101 Jahren trotz ihres Schmalspurdenkens von einem viel fortschrittlicheren Geist lenken ließen als wir heute: Damals war Aurich schließlich „dran an der Bahn“.
Vielleicht
ist der Genius dieses Ortes gar ein Kobold; zu dieser Einsicht könnte man
gelangen, zieht man die Tatsache in Betracht wie einst –
bei der Ankunft der
letzten Waggons, des Alpen-See-Expresses
– plötzlich die Geleise verschwunden waren, auf denen diese
den Bahnhof erreichen sollten, die schmucken Wagen endeten auf dem
Abstellgleis.
Ein anderer könnte auf den Gedanken kommen am Beispiel dieses Ortes beweisen zu wollen, wie sich der Geist rächt, indem er auf die Kosten der Wiederherstellung eines einst schmucken Gebäudes verweist, wenn man die zur Pflege des Hauses notwendigen Investitionen auch nur vorübergehend vernachlässigt oder diese nicht rechtzeitig anpackt; am Ende wird die vorhandene Finanzdecke gar zu kurz um noch alles fertig zu stellen.
Schon Wilhelm Busch wusste: Philosophen und Hausbesitzer haben immer Reparaturen.
Angesichts des Erreichten sollten wir heute keine pessimistischen Geister heraufbeschwören; sondern ich will abschließend an den Geist erinnern, der bei der Wiederherstellung dieses Hauses wirklich prägend gewirkt hat: Es ist der Geist der in jeder Hinsicht konstruktiven Zusammenarbeit gewesen, des aufeinander Hörens und Eingehens aller an der Planung und Bauausführung Beteiligten.
So haben wir als Vertreter der Interessen der Schüler und der Schule die Arbeit in den letzten 1 ½ Jahre empfunden. Natürlich gab es mal Missverständnisse und Interessenkollisionen. Insgesamt ist es für uns aber eine Freude gewesen, wie die Wünsche, die oft auch unfertigen Ideen der Arbeitgruppe durch die Vertreter des Landkreises aufgenommen und an die Handwerker vermittelt wurden. Diese haben sich wirklich alle Mühe gegeben, z.T. neue / alte Arbeitstechniken ausprobiert, um dem Gebäude und den Räumen angestrebten Charakter zu geben.
In Gestalt der Zusammenarbeit mit der Holzwerkstatt der Berufsbildenden Schule, die unseren Anregungen kreativ Gestalt gegeben hat ist ebenfalls ein einzigartiger Glücksgriff gelungen.
Wir alle hoffen, dass
dieser Geist eine nachhaltige Wirkung entfalten wird und auch die weiteren
anstehenden und größeren Arbeiten für diese alte Schule beherrschen wird.
Ich verstehe es als ein positives Signal, dass Herr Landrat Swieter es sich heute nicht nehmen lässt, dieses wiederhergestellte Kleinod seiner Bestimmung zu übergeben.
Bevor Herr Swieter sein Wort an uns richtet, wollen wir dann doch noch die anfangs angesprochene Lok musikalisch herbeizaubern; dies gelingt uns mit Hilfe unserer Blechbläser AG, die den berühmten Chattanooga Chu-Chu durch den Bahnhof tönen lässt.

Und hier gibt's einen PowerPoint-Vortrag zur Geschichte des Gebäudes
Und hier gibt's Fotos von der Eröffnung und den Gästen
Bilderbögen Kreisbahngebäude und Renovierung etc.