Wenn einer, der mit Mühe kaum,
gestiegen ist auf einen Baum,
schon meint, daß er ein Vogel wär’,
so irrt sich der

Ein Leichtes wäre es nun, von diesen Wilhelm Busch-Zeilen zum Baum der Erkenntnis überzuleiten („Habe nun, ach, Leistungskurs Deutsch, Biologie, Physik...“)... Damit könnte ich euch verdeutlichen, dass ihr leider noch nicht in der Krone des Baumes angelangt seid, there’s still a long way to climb, aber das passt nicht wirklich, denn heute gebührt euch Lob, Anerkennung und herzliche Gratulation. Ihr habt’s geschafft, habt dreizehn Jahre (oder mehr) geackert (oder auch nicht so sehr) und habt es nun hinter euch. Genießt es, das unbeschwerte Dasein in den Tagen danach. Und wenn ihr damit fertig seid: Schaut euch immer wieder die Bäume in Ruhe an, auf die ihr klettern wollt, oder möchtet oder sollt und erkennt die richtigen Bäume und Klettermöglichkeiten.

Zurück zum Stichwort Erkenntnis, und die sei als Leitmotiv für die nächsten Minuten zu denken ... wie, was, Erkenntnis?

Erkenntnis Nr. 1 – Elternperspektive. Herzlichen Glückwunsch, sehr geehrte Eltern der Abiturientinnen und Abiturienten, Sie waren sehr tapfer und haben Ihre Abkömmlinge ziemlich lange begleitet auf dem Weg zum Abitur und werden das bestimmt auch noch einige Zeit weiterhin tun, Stichwort: Hotel Mama. Menschlich gesehen toll, Hochachtung und Dank dafür!

Perspektivenwechsel: Aus dem Blickwinkel des (neudeutsch) shareholder value liegen Sie leider total daneben: Weder beim DAX  noch beim Nemax 50 taucht die Aktie „Kinder zum Abitur bringen“ als gewinnbringende Kapitalanlage auf, im Gegenteil: Wäre dies eine Aktionärs- und keine Abiturversammlung, hätten sich alle schon protestierend erhoben! Waste of money, finanzieller Verlust ohne Grenzen, sofort abstoßen, verkaufen, auch mit Verlust, diese Aktie ist im allertiefsten Keller!

Aside: Kompliment übrigens denjenigen Schülerinnen und Schülern (Augenzwinkern), die für den Jaguar als Begleitfahrzeug des Fahrradkorsos Sorge getragen haben – man kann ja nicht früh genug damit anfangen, sich auf eine Investment-Gesellschaft  vorzubereiten!!

Und diejenigen Eltern, die auf Nummer sicher gepokert haben und in den Investmentfont namens „Kind mit Abitur“ investierten, machen ebenfalls eine lange Nase – finanzieller Gewinn? Nichts, no, nay, nothing, niente, null! Im Gegenteil! Kostenfaktor ohne Ende, immer nur Reinbuttern, ist ja schlimmer als das Auricher Inline Centre!

Immer noch Erkenntnis Nr. 1 – Ergänzung – oder: Publikumsbeschimpfungen, denn ihr seid „unteres Mittelmaß“!

Vor einer Woche – Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, ehrenwertes Forum der Deutschen Bank, Frankfurt: Zitate aus der Frankfurter Rundschau vom 14. 6. 2001 (es referierte Jürgen Kluge, Unternehmensberatung McKinsey & Co.)

Konsequenz: Gründung einer „Bildungsinitiative der Wirtschaft“, Ziel: Für das Bildungswesen mehr Markt und Privatisierung, zügiger zu Abitur und Diplom, Kindergärten für Hochbegabte!

...au weia, so schlecht haben wir Euch beschult, auch nicht vorbereitet auf das, was Wirtschaft und Finanzwelt von Euch erwarten? Dann wird’s ja Zeit, dass ihr Herrn Kluge (Achtung, telling name, ob der das Abi unter heutigen Bedingungen....?) das Gegenteil beweist! oder: Summenbildung aus Erkenntnis 1: Schule hat für Wirtschaft und Finanzwelt auszubilden, education and training on demand (Neudeutsch) fertig! Schade eigentlich, dass ihr am Ulricianum neben den Unterrichtsfächern solche unsinnigen Angebote genutzt habt wie Theater und Orchester, Schüleraustauschprogramme und Europäische Projekte, Sport auf vielen Ebenen. Schade, dass die Studienfahrten auch tatsächlich ihrem Namen alle Ehre gemacht haben und Historisches, Kulturelles und Interessantes besucht und besichtigt wurde. Schade, dass Ihr einen sehr menschenfreundlichen Abi-Gag organisiert habt und dann auch noch, nicht gerade wirtschaftsfördernd, mit dem Fahrrad auf Korso-Tour gegangen seid (auf den Jaguar komme ich lieber nicht noch einmal zurück).

 Auf dem Weg zur zweiten Erkenntnis oder: Die Erlebnisgesellschaft nach dem Abitur.

Blick in das Sprachrohr der Finanzwelt, FAZ vom 2. Juni 2001, Autor: Alfons Kaiser, Zitat:

„Die meisten der etwa 350.000 Abiturienten, die in diesen Wochen ihre letzten Prüfungen bestehen, wollen schnell und weit hinaus ins Leben. Denn nie gab es so viele Möglichkeiten: Studiengänge, Zusatzstudiengänge, Ausbildungen, Jobs, Praktika, Stipendien. Dazu Sport, Reisen, Sprachen, Freunde, Freizeit, Grillen. So kommt man nicht zum Studieren, weil man alles irgendwie studieren möchte. Man wählt die Fächer, als hätte man vorher eine Unternehmensberatung gefragt: Was paßt? Womit kann ich später viel Geld verdienen? Wie kann ich möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erreichen? Wie präsentiere ich mich richtig?“

 Der Verfasser nennt Euch Karrierekinder und warnt: „Karrierekinder, die von allem wenig kennen und nicht von wenigem alles, wissen am Ende kaum etwas“ und stellt fest, dass „An die Stelle des Bildungshungers Erlebnishunger getreten ist“.

 Aber Hallo, hier werden Sie was gesagt!

Heißt das nun, dass ihr mit eurem Abitur von wenigem alles wisst? Oder kennt ihr von allem wenig? Erkenntnis Nummer zwei: Lernen ist Arbeit, die leider nie richtig vorbei ist, manchmal auch ziemlich harte Arbeit, die den Erlebnishunger nicht immer satt machen kann. Mit dem Abitur habt ihr zumindest bewiesen, dass ihr (zielgerichtet, strategisch, manchmal auch ausdauernd) arbeiten könnt, ob’s nun allein mit Erlebnishunger weitergeht, werdet ihr selbst in den nächsten Jahren erfahren. Symbolisch sei euch Vorsicht beim Klettern auf den Weg gegeben!

Der Erkenntnis dritter und letzter Teil, Perspektivenwechsel, USA, Newsweek May 28th, 2001 (author: Fareed Zakaria): (sad news: it’s in English – good news: it’s quite easy)

„It’s commencement season in America, and for the next week the country’s youth are in for a lot of advice on life after college. I wonder if they need it. College kids today are so industrious, goal-oriented and responsible that it is amazing and, well, a little bit frightening. I remember talking to a junior at my old college last year and asking him what he thought he might do when he graduated. His reply: ‘I’m trying to decide between investment banking with a technology focus or management venture capital.’ He had just turned 20.”

 Wow, super, great, die Dollarzeichen glühen in den Pupillen – oder doch nicht wirklich? Nun denn, drei Verfasser renommierter Printmedien können sich nicht irren. Oder doch? Steckt in Euch wirklich nur der Spagat zwischen investment banking und der schulischen Vor-Ausbildung für die Vermarktungsinteressen der global player in einer globalen Wirtschaft, die die Mehrheit der Bewohner dieses Globus’ ausklammert?

Ich hoffe, es ist den Lehrkräften des Ulricianums gelungen, Euch neben dem Management Information Game auch andere Spiele des Lebens beizubringen. Ich habe zumindest den Eindruck, dass ihr für euch persönlich den Spagat zwischen Lernen und Leben in einer nicht ganz unbedenklichen Zeit hingekriegt habt. Zwischen Jaguar und Fahrrad, Millionenspielwissen und Fächerwissen, Dinis und Dietl, SMS und DNS, Internet und Internationalität. Ich habe Euch jedenfalls in den vergangenen beiden Jahren als Menschen erlebt mit vielen Facetten und erfreulichen, positiven Charakterzügen. Und ich denke, uns Lehrkräften hat die Arbeit mit euch recht häufig auch Spaß gemacht, im positivsten, menschlichen Sinne. Dafür sei euch gedankt!

Und falls ihr den Liedtext von Wilhelm Busch am Anfang noch nicht ganz vergessen haben solltet, hier die Vorgeschichte: Der Laubfrosch, der im Lied auf den Baum geklettert ist, hält sich für den Größten und quakt dem davon flatternden Vogel folgendes zu

„Wat!“ ruft der Frosch, „dat kann ick ooch!“
Macht einen ungeschickten Satz,
Fällt auf den harten Gartenplatz,
Ist platt, wie man den Kuchen backt,
Und hat für ewig ausgequackt.

Dumm gelaufen, oder: Nicht jedem glückt jeder Spagat bei den vielen Bäumen, oder: Wenn einer, der mit Mühe kaum, gestiegen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der!

Danke, dass Sie und ihr zugehört haben.

Reinhard Donath
22-06-2001