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"Klimakatastrophe
unheimlich nah"
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Am Freitag hielt der Geologe und Klimahistoriker Prof. Dr. Gerald
Haug im Rahmen der Auricher Wissenschaftstage einen Vortrag zum
Thema "Der Klimawandel: zurück in die Zukunft". Heute
ist in den Ostfriesischen Nachrichten darüber ein Artikel zu
lesen
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Aurich:
Klimakatastrophe unheimlich nah
Wissenschaftstage: Weltweit führender
Klimahistoriker lenkt Aufmerksamkeit auf CO2 in den
Ozeanen

Dass der Emder Hafen unter Wasser steht, ist
nichts Ungewöhnliches - doch je wärmer es wird,
desto höher steigt das Wasser und desto tiefer
dringt es ins Festland. Foto: Banik |
wit Aurich. Vor 2,7 Millionen
Jahren änderte sich das Klima radikal. Es wurde deutlich
kälter und die Ozeane sogen große Mengen Kohlendioxyd
aus der Atmosphäre auf, was zu einem weiteren Absinken
der globalen Temperatur führte. Zwar schwankte das Klima
in den Millionen Jahren danach weiterhin - doch um ein
deutlich geringeres Temperatur-Niveau als in den Millionen
Jahren zuvor. Der Geologe und Klimahistoriker Gerald Haug
kann nicht ausschließen, dass sich das, was vor 2,7
Millionen Jahren geschah, in umgekehrter Richtung
vollzieht, weil die Menschen zuviel CO2 in die Atmosphäre
blasen. Im Ozean ist zur Zeit rund 50 mal mehr
Kohlendioxyd gespeichert als in der Atmosphäre.
Haug ist Professor an der ETH Zürich. Die Hochschule, die
als eine der besten der Welt gilt, hat für ihn einen
Lehrstuhl für Klimageologie geschaffen. Vorher arbeitete
Haug am Geoforschungszentrum in Potsdam. Sein Weggang aus
Deutschland in diesem Jahr hat scharfe Kritik an der
deutschen Forschungsförderung und der Situation an den
deutschen Universitäten hervorgerufen. In diesem Jahr
erhielt Haug den Leibniz-Preis der Deutschen
Forschungsgemeinschaft. Der Preis ist mit 2,5 Millionen
Euro dotiert.
Haug verdeutliche dem Publikum der Wissenschaftstage am
Freitagabend im Güterschuppen, dass der ungebremste
Ausstoß von Kohlendioxyd durch den Menschen in den nächsten
30 Jahren einen Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad
zur Folge hat. Diese Erwärmung würde zu einer
grundlegenden Veränderung der physikalischen, chemischen
und biologischen Prozesse in den Ozeanen führen.
Nach Aussage von Haug ist das Kohlendioxyd zur Zeit im
Pazifik so sicher gespeichert, weil über dem
durchschnittlich 4000 Meter tiefen, kalten, CO2-reichen
Wasser des Pazifiks eine dünne, nur etwa 150 Meter tiefe
Wasserschicht mit geringerem Salzgehalt liegt. Der Geologe
sprach von einem Süßwasserdeckel. Dieser Süßwasserdeckel
würde jedoch durch die vom Menschen verursachte Erwärmung
verschwinden. Der Ozean käme dadurch sehr viel stärker
in Bewegung und spezielle Pflanzen, die CO2 erzeugten, bekämen
deutlich bessere Lebensbedingungen.
Haugs Folgerung: Gelingt es uns nicht, den CO2 Ausstoß in
den nächsten 20 Jahren soweit zu reduzieren, dass die
Temperaturerhöhung zwei Grad nicht übersteigt, dann
setzen wir Prozesse in den Ozeanen Gang, die wir nicht
mehr stoppen können und die zu einer ganz erheblichen Erwärmung
führen werden. Selbst wenn der Mensch dann gar kein CO2
mehr in die Atmosphäre bliese, könnte die globale
Temperatur in diesem Fall um bis zu 18 Grad steigen.
Worum es geht, zeigen folgende Zahlen: Anhand von
Eisbohrkernen und Bohrkernen aus dem Meeresgrund wissen
die Klimahistoriker sehr genau, dass der
Kohlendioxyd-Gehalt in der Atmosphäre in Eiszeiten bei
200 ppm (pars per Million) und in Warmzeiten bei 280 ppm
lag. Zur Zeit liegt er, vom Menschen verursacht, schon bei
380 ppm. Und wenn die Ozeane ihr Kohlendioxyd freisetzen,
dann kommen noch einmal mindestens 200 ppm dazu.
In diesem Falle erhöhte sich die Temperatur so stark,
dass zumindest die nördliche Hemisphäre auf Dauer
eisfrei bliebe. Der Meeresspiegel steigt dann um sieben
Meter. Zum Ende seines Vortrags zeigte Haug eine Karte der
Nordseeküste bei einem sieben Meter erhöhten
Wasserspiegel: Hamburg gibt es nicht mehr und Aurich ist
auch abgesoffen. Wenn alles Eis auf der Erdkugel schmelzen
würde, dann stiege der Meeresspiegel sogar um über 60
Meter. Haug sagte, wenn die Bundeskanzlerin international
für die Eindämmung des CO2-Ausstoßes werbe, dann gehe
sie von diesen Überlegungen aus. Als Physikerin habe die
Bundeskanzlerin die Zusammenhänge begriffen.
Was Klimaänderungen schon deutlich geringeren Ausmaßes
bedeuten können, hatte Haug im ersten Teil seines
Vortrags veranschaulicht, in dem er Temperaturschwankungen
in der Zeit von 800 bis 1000 mit historischen Ereignissen
in Verbindung brachte. Sein Ergebnis: Sowohl der Untergang
der Maja-Kultur in Mittelamerika sowie der gleichzeitige
Untergang der Tang-Dynastie in China (Chinas goldene Zeit)
fanden statt, als die CO2-Werte in Atmosphäre besonders
hoch waren. Sehr wahrscheinlich, so Haug, führte dies zu
einer Verlagerung des Monsun-Systems nach Süden, ähnlich
wie beim El-Ninio-Effekt, was wiederum in Mittelamerika
und in China zu Dürren und Hungersnöten führte. Beide
Kulturen hätten auch Dürrezeiten ausgehalten, so dass es
keinen deterministischen Zusammenhang zwischen Geschichte
und Klima gebe - doch die Übereinstimmungen im Fall Maja
und Tang seien schon sehr deutlich und zeitlich genau.
Was Haug nicht sagte, aber jedem Zuhörer klar sein
konnte: Schon die Temperatur- und damit Klimaveränderungen,
die durch die Erhöhung des CO2-Gehaltes in der Atmosphäre
von 280 auf 380 ppm ausgelöst werden, können Kulturen
zerstören. Und das kann in der globalisierten Welt auch
unsere sein.
Und während der große, unaufhaltsame Wandel, also die Rückkehr
zu den Verhältnissen vor drei oder vier Millionen Jahren,
wenn er denn mal in Gang gesetzt ist, etwa 300 Jahre
dauert, so können sich die "kleinen" Veränderungen
sehr schnell (innerhalb von Jahren) und unvorhersehbar
bald vollziehen.
Ostfriesische Nachrichten
Online-Ausgabe vom 12.11.2007; 22:00:00 Uhr
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