Ramon
und Glasser gehen durch das
Metropolitan Museum of Art
Wegen des Rollstuhls mussten sie das Museum durch einen Seiteneingang betreten.
»Das nächste Mal«, sagte Glasser, »wenn du allein hierher kommst, gehst du zum Haupteingang hinein und all die Stufen hinauf. Dann erfasst du die volle Wirkung! Dann wirst du sehen, was für ein phantastisches Gebäude das ist. Phantastisch!«
Sie fuhren mit einem Aufzug hoch. Kurz darauf waren sie in einer großen Halle, in der überall Statuen und Grünpflanzen standen. Das Licht, das aus der Holztäfelung darüber kam, schien direkt vom Himmel zu kommen.
»Zypern«, sagte Glasser. »Antikes Zypern. Diese Statuen sind über zweitausend Jahre alt. Und sie sehen alle meinem Onkel Max ähnlich, er ruhe in Frieden.«
»Und ihre Hüte sehen alle wie Eicheln aus«, sagte Ramon.
»Tatsächlich! Vielleicht sind es Eicheln. Wer weiß? Das ist die richtige Einstellung! Fang bloß nicht an, der Kunst zu huldigen, in Ehrfurcht vor ihr zu erstarren. Mach sie zu etwas Lebendigem! Das ist gut.«
Sie fuhren mit einem anderen Aufzug noch weiter hinauf und kamen zwischen chinesischen Vasen heraus, die alle Farbnuancen von zartem Blau, Grün und Rotbraun zeigten. Sie erinnerten Ramon an das alte Geschirr seiner Mutter, dessen Farbe durch endloses Abwaschen zum warmen Schimmer verwelkter Blüten verblasst war.
»Nun«, sagte Glasser, »was hältst du davon?« Sie standen vor der riesigen Statue eines Mannes, der in der einen Hand ein großes Schwert und in der anderen einen abgetrennten Kopf an den Haaren hochhielt. Perseus mit dem Kopf derMedusa stand darunter geschrieben. Ramon dachte daran, wie Angel den Kopf der Ratte hochgehalten hatte. Dann stellte er sich mit einem Schauder seinen eigenen abgetrennten Kopf in Angels Hand vor.
»Wie gefällt dir das?«, fragte Glasser.
»Der Bursche hält den abgeschnittenen Kopf wie 'ne Bowling-Kugel in der Hand. Ich wette, all den kleinen Kids gefällt das irrsinnig gut. Ehrlich. Großartig für Alpträume.«
»Das ist aus einem berühmten Mythos. Aus einer griechischen Sage. Das soll nicht erschrecken. Es soll einen die Aussagekraft des Augenblicks in der Sage spüren lassen. Als Katharsis. Eine Art innere Läuterung.«
»Ich weiß nicht, was das alles bedeutet. Und ich wette, die kleinen Kids wissen's auch nicht. Aber ich wette, die kriegen trotzdem prima Alpträume.«
Glasser hieb auf die Seiten seines Rollstuhls. »Was sollte denn geschehen? Sollte man ein großartiges Kunstwerk im Keller verstecken, bloß weil ein paar Kinder vielleicht Alpträume bekommen könnten?«
»Genau, das sollten sie. Sie haben genügend anderes Zeugs zum Herzeigen.«
»Pffft« Glasser sank völlig erschöpft in seinen Rollstuhl zurück.
»Sie wollten meine Meinung hören. Okay, jetzt haben Sie sie gehört!«
»Schöne Meinung!«
»Ja, weil Sie bloß Ihre Meinung hören wollen. Solange ich sage, was Sie wollen, ist es okay!«,
»Hmm ... « Glasser überlegte einen Moment, dann nickte er. »Gut. Sehr gut. Du sollst für deine Meinung eintreten. Dafür achte ich dich. Lass dich von mir nicht einschüchtern ... Trotzdem ... sollten sich Museen wirklich um kleine Kinder Gedanken machen? Das habe ich noch niemals bedacht.«
Im nächsten Raum rollte Ramon Glasser zu einem Gemälde, das Kolumbus darstellte. »He, das kenn ich! Wirklich! Das war in unserm Geschichtsbuch in der junior High School. He, das ist berühmt!«
»Ich will dir etwas sagen«, sagte Glasser. »Vor Jahren, als ich das Bild zum ersten Mal sah, habe ich genau das Gleiche gedacht. Es war auch in meinem Geschichtsbuch.«
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